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Schlagwort: Nachtleben

  • Dopaminkater

    Dopaminkater

    Mein Nachtleben besteht ja in der Regel aus schlafen, schlecht schlafen oder die Nacht zum Tag machen, weil ich erst am späten Abend Zeit für mich finde. Das bedeutet, dass ich ungesundes Zeug esse und irgendetwas anschaue, was ich im Zweifel schon kenne und/ oder mich so fesselt, dass ich nicht aufhören kann. Wirklich selten kommt es vor, dass ich erst richtig spät zu Hause bin, noch seltener, dass ich im Verlauf eines solchen Abends Alkohol getrunken habe. Ich bin also mehr als solide, geradezu langweilig.

    Ich liebe die Nacht. Schon immer. Früher in den Sommerferien war ich bis drei, manchmal vier Uhr wach und habe ewig geschlafen. Ich war gar nicht unterwegs, ich war zu Hause. In meinem Zimmer. Und habe es genossen, einfach „zu sein“. Malen, zeichnen, schreiben, nähen, Musik hören, Filme anschauen, zum zweiten oder zehnten Mal. Wunderbar. Schlafen müssen war für mich, bis ich Kinder hatte, nichts, was mich glücklich gemacht hätte, es war eine Notwendigkeit. Früh aufstehen war nicht mein Ding, aber ich habe es stets geschafft, der Gedanke, zu verschlafen, war mir arg. Mein Morgen war minutengenau getaktet, ich habe nicht einmal die S-Bahn verpasst. Wenn man nicht gezwungen ist zu schlafen, weil man hundemüde ist- oder kleine Kinder auf einen warten morgens um 6 (da ist man dann allerdings in der Regel auch IMMER hundemüde), kann ich es sehr genießen, nachts wach zu sein. Nachts sind zwar alle Sorgen größer, aber das passiert meistens nur, wenn man mitten in der Nacht nach zwei, drei, vier Stunden Schlaf aufwacht. Wenn man einfach wach bleibt, gehen die Sorgen ein Stück zur Seite, machen Pause. Dann stehen Sorgen und Zeit still. Niemand will etwas von einem. Die Welt um einen herum schweigt. Man ist sein eigener Mensch und irgendwie frei.

    Ich denke immer, ich hatte zwei Möglichkeiten mich zu entwickeln. So, wie ich es tatsächlich getan habe und dann gibt es noch die ungesunde Variante.

    Ich glaube nicht, dass ich mich Alkohol oder Drogen zugewandt hätte in dieser zweiten Variante, aber dennoch wäre es eine von Dopaminsuche bestimmte Entwicklung gewesen, in der Ausgehen und Männer- und vielleicht auch Frauengeschichten eine wesentliche Rolle gespielt hätten und viel Potenzial gehabt hätten, mich vollkommen auszulaugen. Ich hatte keine Ahnung von Dopamin und vor allem gab es das sehr treffende Wort „Dopaminkater“ noch nicht, aber das war nach manchen Abenden und Nächten genau das, was mich danach ereilt hat. Nach dem Hoch, der Freude, dem Tanzen, der Bestätigung, dem frei von allen Verantwortlichkeiten durch die Gegend ziehen, kam der Tag danach und wenn ich Pech hatte, war dann da eben kein Dopamin mehr. Dann war da Pause. Die die anderen den Rausch hat ausschlafen lassen, mich aber in ein Loch fallen ließ. Wissen, es geht heute nicht mehr so weiter nach drei Tagen Feierei am Schützenfest oder Karneval. Alleine sein, wieder funktionieren müssen. Wenn alle anderen betrunken oder bekifft oder beides waren, dann konnte ich machen, was ich wollte. Who were they to judge? Sie haben ja auch gemacht, was sie wollten, hahaha, lustige Saufgeschichten entstehen so, man ist weniger verantwortlich für sein Handeln, die Erinnerung ist unschärfer. Und in diesem, im wahrsten Sinne des Wortes, „Dunstkreis“ konnte auch ich frei sein.

    Ich habe irgendwann mal gelesen, dass dieses Loch „danach“ normal ist und keine Frage der mentalen Stärke oder der Disziplin, sondern der Chemie im Körper. Das hat mir sehr geholfen zu verstehen, was an Tagen nach sehr schönen Dingen mit mir passiert ist. Warum blieb kein warmes Glücksgefühl in mir? Warum war da eine schmerzhafte Leere? Warum war ich so undankbar und immer unzufrieden, immer suchend? Warum war ich, je schöner etwas war, umso unglücklicher danach? Ich habe diese kleine Notiz in einer Zeitschrift ausgeschnitten und mir an die Küchentür geklebt. Als Erinnerung daran, dass ich nicht versagt habe, wenn ich mich so fühle.

    Wäre ich in eine Stadt mit mehr Nachtleben gezogen und hätte die richtigen, aber falschen Leute getroffen, ich wäre mit Sicherheit von Donnerstagabend bis Montagmorgen unterwegs gewesen. Die restlichen Tage der Woche hätte ich mit warten auf einen Anruf von irgendeinem Typen verbracht. Gut, dass meine anderen Anteile beschlossen haben, dass wir da mal fein die Finger von lassen und lieber sesshaft werden.

    Nach meiner ersten Trennung hatte ich nochmal einen Moment, wo dieses alte Ich zum Vorschein kam und nichts davon hat mir gut getan. Wir reden hier überhaupt nicht von Exzessen, sondern nur von Abenden, die andere locker wegstecken. Deren Hirn nicht so ist, wie meins. Dazu kam noch der völlig falsche Typ, der mit seinem Verhalten alles in mir getriggert hat, was sich triggern ließ (und hier ist das Wort richtig verwendet) und ich war innerlich ein völlig überfordertes Wrack. Meine ganze Hirnchemie ist eskaliert, ich habe mich geschämt, mich in den falschen Mann verliebt, den Panikmodus meines Körpers für „Schmetterlinge im Bauch“ gehalten, gewusst, das ist alles falsch hier- weil auch andere mir das gesagt haben- und trotzdem habe ich da nicht rausgefunden. Nicht auf die richtige Weise. Ich habe mich- mal wieder- sehr für mich geschämt. Sooo sehr. Für das Chaos, das ich verursacht habe und die Schmerzen, meine Gefühle, meine Bedürfnisse, meinem selbstgewählten Leben und seinen Ansprüchen gerade nicht richtig gerecht zu werden. Wieder etwas nicht geschafft zu haben. Und so habe ich getan, was ich für richtig hielt: ich habe versucht, das alles ans Laufen zu bekommen. Das Chaos in etwas solides zu verwandeln. Mich wahnsinnig angestrengt, für den falschen Mann die richtige Frau zu sein. Meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Wieder eine ausgeglichenere Mutter für meine Kinder zu sein.

    Ich schäme mich auch heute noch für mich damals. Aber ich versuche auch, Verständnis für mich zu haben. Mich nicht zu verurteilen, sondern zu verstehen. Alles, was ich wollte, war ein guter Mensch sein. Eine, die ihr Leben hinbekommt. So zu sein, wie die anderen.

    Ich habe das Jahre lang durchgezogen. Bis zur völligen Selbstaufgabe und Auflösung meiner Persönlichkeit. So sollte es sein. Das war die Strafe für mein Ich-sein. Die VERDIENTE Strafe für mein Ich-sein. Ich war allein für all das verantwortlich, was sich in meinem Leben nicht gut anfühlte und ich hatte nur das Recht, es auszubaden, nicht, es zu ändern.

    Auch wenn ich es kaum gemerkt habe, hat irgendwann in mir ein Prozess eingesetzt, der über Jahre langsam, aber stetig dafür gesorgt hat, dass ich mich aus diesem Zustand raus entwickle. Etwas in mir hat die Verantwortung übernommen. Ich habe mich frei gekämpft aus Dingen, Grenzen gezogen, Verantwortung nochmal ganz neu und anders übernommen.

    Jeder, der mich ein bisschen kennt, weiß, wie wichtig es mir ist, über die Sache mit der Neurodivergenz zu reden. Über ADHS und auch über das Autismus Spektrum aufzuklären. Ich nerve ganz hart damit bisweilen, aber es ist mir so unendlich wichtig, dass Menschen wie ich irgendwann begreifen dürfen, dass das, was sie ihr Leben lang fühlen, echt ist und einen Namen trägt. Dass sie nicht allein sind. Nicht mein ADHS hat getan, was ich getan habe, aber es hat dazu geführt, dass sich viele Dinge für mich anders angefühlt haben, als für andere. Warum mir schwer fiel, was anderen leicht fiel. Warum ich auf die falschen Reize angesprungen bin. Und ich nie verstanden habe, warum das so ist. ADHS ist auch eine Gefühlsregulierungsstörung. Das zu wissen, hilft mir sehr, meine Gefühle noch mal anders, genauer, aber auch geduldiger und liebevoller anzuschauen. Und sie besser zu kommuniz

    Mein Wissen über mich macht mich zu einem besseren Menschen auch anderen gegenüber. Und das, obwohl es mich kompromissloser macht. Deutlicher, klarer, bestimmter. Ich habe unendliches Verständnis für andere, das hatte ich auch früher schon. Aber ich habe es immer mit der Erlaubnis gleichgesetzt, mich so zu behandeln, wie es in ihren Möglichkeiten lag. Habe gedacht, es liegt an mir, dass ich nicht zufriedener bin, mit dem, was sie mir geben können. Dass ich nicht fordernd sein darf, zufrieden sein muss, mit dem was ich bekomme. Das ist nicht mehr so. Ich verlange immer noch nichts, was mir jemand nicht geben kann. Aber ich ziehe daraus nicht mehr den Schluss, dass deswegen mein Bedürfnis falsch ist. Dass ich kleiner sein muss.

    Ich habe keine Ahnung, wie lange mein Leben noch dauert. Aber fest steht: dieser Teil meines Lebens gehört mir.

    Noch nie in meinem Leben mochte ich mich so gerne wie jetzt. Ich halte mich gerade für die beste Version meiner selbst und trotzdem will ich nicht hier stehen bleiben. Ich bin gut. Für mich. Nicht für andere. Aber vielleicht strahlt das ja ein bisschen ab auf euch ;-).

    Wie sind wir hier gelandet??? Ich wollte euch von meinem Abitreffen erzählen! An dessen Ende ich unerwartete Einblicke in das Nachtleben einer niederrheinischen Großstadt gewonnen habe, von denen ich euch unbedingt erzählen wollte.

    Ich hatte übrigens am nächsten Tag keinen Dopaminkater. Sondern war aufgekratzt, amüsiert, gut unterhalten und habe mich gefreut über diesen Ausflug in eine andere Welt. Wie schön!

    Das Thema für den nächsten Eintrag steht also schon.