Ruhe, bitte!
Warnung: ich habe diesen Eintrag Korrektur gelesen, aber vielleicht nicht all zu konzentriert. Verzeiht bitte falsche Satzanschlüsse und Rechtschreibfehler!
Ich hatte einen Beitrag angefangen und dann kam das Leben dazwischen. Ich habe sehr viel Leben, das immer sehr viel dazwischen kommt. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass das Leben mal ein paar Stunden Pause macht.
Neurodivergente Menschen brauchen zum Auftanken nicht Schlaf, sondern Ruhe. Das ist etwas anderes und für viele von uns auch nicht einfach zu erlangen. Selbst Menschen, die nicht sind wie wir, finden schwer Ruhe, können schlecht abschalten. Es ist vielleicht ein generelles Problem. Aber da ich nun mal ein sehr lustiges Gehirn habe, gehe ich von mir aus und nicht von anderen.
Ich erhole mich, wenn ich in Ruhe, in meinem Tempo meine Dinge machen kann. Ich kann extrem effektiv arbeiten, wenn man mich lässt. Manchmal leide ich an den ADHS typischen Paralysen und ich kriege nichts geschissen. Dann hilft Medikinet. Ich war heute richtig gut, sogar ohne Medikamente. Ich habe Dinge gemacht, wie eine Erwachsene. Ich habe gefrühstückt und zwar etwas vernünftiges. Ich habe Wohnzimmer und Küche aufgeräumt, den Hof gefegt und die Haufen IN DIE TONNE GESCHAUFELT, habe Wäsche gemacht und bei all dem nichts gestümpert, sondern alle Schritte gemacht. Ich habe die Wäsche sogar in den Schrank gelegt. Sogar die Handtücher, die seit fast drei Wochen gefaltet neben dem Trockner im Wäschekorb lagerten. Einfach eine Macherin! Wahnsinn! Unglaublich, dass es Menschen gibt, die das einfach jeden Tag so machen können. Mal mit mehr, mal mit weniger Schwung, aber einfach machen können.
Wenn ich mir meinen Garten und andere Bereiche meines Lebensraums so anschaue, dann frage ich mich: was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Viel kann es nicht sein, denn irgendwie müssten dann viele Dinge besser laufen. Ordentlicher. Erwachsener. Ich habe immer das Gefühl, mein Leben befindet sich permanent im Ausnahmezustand. Entweder gibt es aktiv etwas zu managen oder ich bin völlig erschöpft von dem, was es wieder zu managen galt. Und ich bekomme kein Geld dafür. Ich wäre so eine geile Assistentin oder Troubleshooterin! Ich könnte damit Höchstgehälter verdienen. Aber hier fühlt es sich einfach nur erschöpfend an. Ich bin Sisyphos, der den scheiss Stein ununterbrochen den beschissenen Berg hoch rollt. Und gleichzeitig bin ich Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Neuerdings mit einem zusätzlichen Feature: Hitzewallungen. Kurz, aber heftig heizt mich immer mal wieder zwischendurch der innere Heizpilz von 36,5 Grad auf mindestens 90 auf. Ich habe jetzt kein inneres Leuchten mehr, es ist ein inneres Glühen. Wie im Stahlwerk.
Selbstmitleid? Ja, von mir aus, nur zu, könnt ihr gerne so nennen. Ist mir egal. Ich möchte mir gerade einfach mal leid tun. Es ist alles zu viel. Eigentlich war mein Plan, jetzt im Urlaub zu sein. Rumliegen, lesen, Rätselheft bearbeiten, wie so eine Omma. So sehr ich mich freue, wieder zu Hause zu sein, so sehr wünschte ich, mich doch auf einer Insel verstecken zu können. Oder auch bei mir zu Hause.
Ich möchte einmal haben, was andere haben. Probleme in einer normalen Größenordnung. Sich zu vergleichen ist ein ein Expresshighway in die Unzufriedenheit, deswegen tue ich das nicht. Aber manchmal beneide ich Leute um das, was sie als Alltag haben.
Eine Therapeutin, die mir in den letzten Monaten begegnet ist, tippte, schaute mich an und sagte: „Drei neurodivergente Kinder und Sie sind ja auch neurodivergent…“ Sie ließ den Satz unvollendet. Wir wussten beide, was sie meinte. Ein paar Wochen später sagte sie: „Haben Sie denn jemanden? Einen anderen Erwachsenen?“ und da dachte ich nur: nein. Ich habe keinen Erwachsenen. Alle meine Freund*innen und meine anderen Erwachsenen haben sehr viel eigenes Leben. Sie hören mir zu, nehmen Anteil, sind die süßesten Mäuse überhaupt, sie sind immer für mich da. Aber ich bin mit meinem Alltag alleine. Ich bin eine Mutter und zwei Väter in einer Person. Und auch noch ein paar Großeltern, wenn man so will.
Neurodivergente Menschen brauchen oft andere Menschen. Zur sogenannten Co-Regulation, weil die Gefühle oft so groß und unverständlich für einen selbst sind, dass man jemanden braucht, der einem dabei hilft. Es gibt auch das sogenannte Body Doubling. Das heißt, dass man jemand anderen oder sich gegenseitig bei Aufgaben begleitet. Zum Beispiel, wenn man einfach nur dabei sitzt, wenn jemand lernt, Steuererklärung macht oder Rechnungen bezahlt. Man telefoniert und beide machen Hausarbeiten dabei. Es gibt viele Arten, das auszugestalten. Manchmal muss man uns auch ans Essen erinnern oder fragen, ob wir genug getrunken haben. Manchmal sind wir so im Hyperfokus, das wir vergessen, auf die Toilette zu gehen. Überhaupt der Hyperfokus! Schon mal jemanden aus dem Hyperfokus gerissen? Das ist, wenn der ADHSler endlich im Flow ist, ganz tief drin in einer Sache und richtig voran kommt, nichts anderes mehr mitbekommt. Da rausgerissen zu werden und dann wieder in der Realität zurecht zu kommen, ist schwierig. Vor allem, wenn man dann nicht unwirsch oder grantig sein will, weil man ja weiß: das ist kacki. Aber oftmals ist man eben noch nicht wieder ganz zurück und wirkt unaufmerksam und unzufrieden, weil man unterbrochen wurde. Der Flow ist weg, der Gedanke, es ist, als hätte einer mit der Axt reingehauen. Sei dann mal aufmerksam und auch noch ZUGEWANDT!!! Als Mutter von älteren Kindern wirst du da viel belächelt oder auch kritisiert, wenn du es nicht schaffst umzuswitchen.
Neulich habe ich mit einem/r ADHS diagnostizierten Jugendlichen beim Beobachten eines Kindes, das sich gerade in der Diagnostik befindet, unterhalten, was mit der Begrifflichkeit „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ gemeint ist. Eigentlich meint es ja, dass wir nicht genug Aufmerksamkeit aufbringen können. Das stimmt nicht. Wir bringen sie nur nicht immer dafür auf, wo sie gefordert ist. Wir haben sehr viel Aufmerksamkeit für Dinge, die uns interessieren. Und da wirklich deep und umfassend! Ich habe dann erzählt, dass ich früher dachte, der Mensch empfinde es so, als bekäme er/ sie nicht genug Aufmerksamkeit. Und im Grunde ist da etwas Wahres dran, wenn ich mir anschaue, wie wir funktionieren. Wir verarbeiten Gefühle und Erlebtes oft durch reden, brauchen Begleitung in den banalsten Alltagsdingen, wohingegen wir komplizierteste Dinge komplett alleine wuppen- mal eben. Wir brauchen aber nicht nur Aufmerksamkeit, wir geben sie auch. Wir verstehen, kümmern und engagieren uns. Und wenn sich zwei von uns treffen, müsst ihr mal sehen, wie die zwei ADHSler auf Anhieb matchen können! Wie sie sich glücklich und gesehen fühlen und direkt all-in gehen. Smalltalk? Hä? Los, lass alle Kindheitstraumata und Ängste teilen!!! Da kommt kein konventionell verdrahtetes Gehirn mit. Und will das wahrscheinlich auch gar nicht.
Aber all das ist anstrengend. Ich habe eineneurodivergente Freundin, die hat keine Kinder und sagt immer nur, für mich mit erschöpft: „Ey, wie machst du das?? Ich habe mit mir alleine schon so viel zu tun!“
Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich ohne mein Muttersein wahrscheinlich auch weniger gut mit mir klar käme. Das gibt mir Halt, Struktur und eine Aufgabe. Aber es ist auch verdammt viel. Und manchmal herrscht hier Chaos auf einem Niveau, das keiner versteht in einer Taktung, die ich nicht verstehe, verstehen will. Die zu viel ist. Zu viel für eine Person. Und eben auch oft zu viel für die Menschen drum rum. Das macht „solche“ Menschen oft einsam. Wir sind viel und anstrengend, wir neurobuntesreusel Menschen. Aber die Welt, in der wir leben, ist leider so oft so gar nicht passend für uns. Sie ist laut, unverständlich, beängstigend, überfordernd und manchmal trotzdem scheiße langweilig.
Ich habe mich darauf verlegt, der Mensch zu sein, den ich gerne hätte. Ich bin nicht perfekt darin. In nichts und eben auch nicht darin. Sie ist stets bemüht, würde ich mal sagen. Und manchmal fliegt mir mein ganzes Leben von einer Sekunde auf die andere um die Ohren. Weil hier so viel von Stabilität und Verlässlichkeit abhängt. Meiner Stabilität und Verlässlichkeit.
So, und jetzt verlasse ich meinen Oversharing-Hyperfokus und gehe auf die Toilette, wo ich schon hin muss, seit ich mit Tippen angefangen habe. Und eigentlich müsste ich auch noch was vernünftiges essen (also was anderes als Chips im Bett). Und eventuell duschen. Wo ist der Erwachsene, der auf mich aufpasst??