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Kommst du mit? Teil 2

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Kommst du mit? Teil 2

Ich habe gerade mit Begeisterung und großer Verwunderung festgestellt, dass ich nach ausgiebiger Sportabstinenz einige Liegestütze hinbekommen habe. Wie geil! Naja, und ich habe i eine der von mir bestellten Kettle Bells auf dem Sofa auf der dort liegenden Decke abgelegt und ich sag mal so: mein Fuß und ich sind nur knapp einer Katastrophe entgangen, dafür hat das Parkett jetzt zwei neue Nachweise darüber, dass hier in diesem Wohnzimmer aktiv und fahrlässig gelebt wird. „Da wird gelebt“ bedeutet ja immer irgendwie die Abwesenheit von Ordnung und womöglich auch einer gewissen Unversehrtheit der Einrichtungsgegenstände. Also, hier wird gelebt, das sag ich euch…

Ich hatte euch den zweiten Teil meiner Nacht in K versprochen und auch die Fertigstellung der Zeichnung. Mit der Zeichnung muss ich gestehen, könnte es schwierig werden. Die Erinnerung an dieses Gesicht wird immer schemenhafter, mal sehen, ob ich es noch abrufen kann. Aber ich werde es euch beschreiben.

Wir erinnern uns, wir stehen mit unserer Begleitung am Stehtisch in Jogis Club Disco. Ich kann euch den Namen nicht vorenthalten, ihr sollt die Chance haben, euch selbst einen Eindruck zu verschaffen, ich will hier nicht Gate keepen!

An diesem Stehtisch sehen wir vier Männer, die ich euch nun in sehr vereinfachenden, stereotypen Beschreibungen skizzieren werde, dabei benutze ich Schubladen und Klischees, ob sie der Wahrheit entsprechen- wir werden es nie erfahren. Fangen wir links an. Ich meine, er hätte, im Gegensatz zu den anderen auf einem Barhocker gesessen. Ein Mensch, der sich immer ein bisschen in sich hineinduckt, eine schlechte Haltung hat, die sich durch seine komplette Erscheinung zieht. Alles an ihm wirkt faltig, fast etwas zerknüllt vom Leben, die Haut, der Blick, die Haltung, die Ausstrahlung. Die Haare und der Bart sehr kurz und schon grau meliert, alles im Kontrast zu einer schneeweißen Adidasjacke, bis zum Kinn geschlossen, er könnte fast ein cooler Typ sein, wenn er nicht so zerknittert wirken würde. Sein Alter ist schwer zu schätzen, womöglich hat er die Dreißiger schon verlassen, aber sicher bin ich nicht. Daneben einer, den ich in der ersten Hälfte seiner Dreißiger verorte, dessen Brille irgendwo aus den 2000ern oder zumindest 2010er Jahren zu stammen scheint. Dazu ein Hoodie in einem Ton, der beinah schon lindgrün ist. Aber nur beinah. Es ist irgendwie eine Kinderpullifarbe. Er trägt einen Bart, man ist sich sicher, dass er sehr viel Zeit am Rechner verbringt, womöglich auch beruflich, vielleicht aber auch nicht. Er macht einen harmlosen, fast schon lieben Eindruck, auch ein bisschen nerdie vielleicht. Ganz rechts, also neben mir, steht ein weiteres harmloses Exemplar, auch im Hoodie, hier reden wir von einem eher rostigen Rotton. Blondes Haar, schon auf dem Rückzug, obwohl ich mal schätze, dass hier erst eine 3 vorne steht. Und dazwischen steht er: der Platzhirsch. Er ist nicht zu übersehen. Er wirkt irgendwie raumfüllend, wie er da steht. Dominant. Der Körper wirkt undefinierbar rund, irgendwie viel. Die Haare lockig, kurz, jedoch ohne erkennbaren Schnitt, die Geheimratsecken und die Stirn sind bereits fortgeschritten raumfordernd. Um dem zu begegnen, so scheint es, werden die Locken aufgeplustert, auf dem Kopf wirken sie zusammengekämmt wie ein einzelnes Horn, das einen, trotz seiner Singularität, eher an den Teufel als an ein Einhorn denken lässt. Er trägt ein schwarzes Sakko. Ob er die Ärmel locker aufgekrempelt hatte, ich weiß es nicht mehr, aber insgesamt würde ich sagen Ja, es schien, als er wolle er eine gewisse Don Johnson mäßige Lässigkeit erzeugen, die in diesem Ambiente zeitlich eine perfekte Heimat fand. Das weiße T-Shirt, das er zu diesem Zwecke unter dem Sakko trug, ließ uns aber nicht uniformiert darüber, dass er musikalisch durchaus in diesem Jahrtausend angekommen war: Sido. Mein Block. Das alles wurde zusätzlich geschmückt mit einer Kette mit Kreuz und einem Ring. Ich konnte nicht ganz ausmachen, ob der extra war oder Teil des Anhängers. Sein Gesicht in diesem Lockenrahmen war eine Mischung aus Putte und 80er Jahre Schauspieler. Ich hab mich mal da durch gesucht und Karl Obermayr gefunden. Der hat ungefähr die passende Frisur und den müsst ihr euch jetzt mit einem moppeligen Babyface vorstellen mit viel zu viel Selbstbewusstsein

Und der Kerl steht da nun und lächelt mich an. Mit einem sehr unmissverständlichen Lächeln, kein Grinsen, aber doch mit dieser Selbstgewissheit, ein begehrenswertes Objekt zu sein. Ich wusste gar nicht, wie ich schnell genug wegschauen sollte. Aber die Faszination des Grauens ließ mich immer wieder Blicke riskieren, es war mein Sport, rechtzeitig wieder wegzuschauen.

Innerlich hatte ich schon gelästert, dass hier mit Sicherheit keine Frauen zu gehören, da belehrte mich das Leben eines besseren. Gleich zwei tauchten auf. Die eine mit mehr, die andere mit weniger Körper, ich möchte am liebsten auch hier liebevoll in die Details gehen, aber dann wird das hier ein Dreiteiler. Die eine, schmalere trug einen Blazer, darunter ein Shirt mit Strippen im Dekolltée, in der Mitte zusammengeführt von einer strassbesetzen Klammer. Auch hier waren Brille und Haarschnitt irgendwo in den 2010er Jahren zu verorten, man hatte das Gefühl, sie schon mal in einer Folge „Der Trödeltrupp“ gesehen zu haben. Die andere trug kurzen Rock, viel Spitze, viel Locken, viel Acrynägel, viele Tattoos, natürlich auch im Brustbereich und legte zur Begrüßung ihren Kopf auf die Schulter unseres Don Johnson. Schien ihm nicht zu gefallen, er ignorierte sie stoisch und genervt.

Intermezzo: aus der anderen Richtung kommt ein wirklich sehr jung wirkender Kerl. Babyface, Babyhaut, zarter blonder Schnauzer, Hemd, gebügelt, Kapuzenjacke drüber, begrüßt uns, stellt sich mir vor und berichtet meiner Begleitung von seinem Abend davor und wo im öffentlichen Raum er übernachtet habe. Zeigt ein Foto. Leider nicht mir. Verschwindet.

Blick auf die Szene am Tisch: Tränen fließen. Don Johnson guckt aggressiv genervt, andere Frau und grüner Hoodie trösten, halten Hand und reichen Taschentücher. Wir überlegen mal den Standort, also Stehort zu wechseln. Ein freier Stehtisch ist in Sichtweite. Bis wir ankommen, stehen schon andere da. Das Babyface kommt wieder an uns vorbei. Erzählt weiter. Scheint ein fester Bestandteil des Nachtlebens dieser Stadt zu sein, immer dabei, immer voll. Zeigt ein Foto seiner Tochter. Winzig kleine Maus in einer Karnevalsuniform. Kosten: vierstelliger Betrag, aber würde dank Knöpfen und Bändern mitwachsen. Er habe sein vereinskarnevalistisches Engagement jetzt eingestellt wegen seiner Tochter, das beanspruche zu viel Zeit. Er zieht wieder von dannen. Mein Gesicht ein Fragezeichen: warum das Einstellen, wenn mann dann offensichtlich trotzdem dauernd feiern ist und nicht mal zu Hause schläft? Und wie kann man bei diesem Lebenswandel so unverbraucht aussehen?

Dann kurzes Aufsuchen des Raucherbereichs für meine Begleitung. Wir reden hier von einem schlecht belüfteten Durchgang, kleiner als eine Garage. Mit uns drin: die Weinende mit ihrem emotional support Duo. Beide sehr zugewandt, sie völlig aufgelöst:

“Warum grüßt die mich nicht????? Ich will gar nichts von dem! Warum grüßt die mich nicht?“ Andere Frau: „Mir hat sie zugenickt.“ „Warum grüßt die mich nicht? Ich will ja gar nichts von dem, ich habe von Anfang klargestellt, dass ich den nicht angebe als Vater und keinen Unterhalt will, ich weiß ja, dass der genug mit seinem Sohn hat und nicht so viel Geld- der ist Müllmann- aber warum grüßt die mich nicht?????“ Wir haben uns nur angegrinst, ob dieses Schauspiels, dieses emotionalen Monologs und wahrscheinlich beide gewünscht, wir bekämen noch mehr Details.

Unsere Aufmerksamkeit wurde dann aber von einer weiteren, laut und deutlich geführten Diskussion gefordert, hier ging es um die offensichtlich neue Haarfarbe einer jungen Frau, deren Freundin einen strunzvollen Kerl immer wieder anherrschte: „Ja, nu sag mal, wie die Haarfarbe heißt! Sag mal! Sag mal, wie die Haarfarbe heißt!“ unterbrochen von seinen Versuchen, es ihr mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten recht zu machen: „Grau?“ „Grauuu?“ „Graaauu?“ „Das Graue geht noch weg, das ist vom Färben, wie heißt die Haarfarbe? Hm? Wie heißt die Haarfarbe? Steht ihr doch gut, oder nicht?“ bis aus einer Ecke einer, bei dem ich bezweifle, dass er ohne den Halt dieser Ecke noch gerade hätte stehen können, das erlösende „Das ist Wasserstoffblond!“ kam. Die Freundin ließ das gelten, wollte es aber nochmal von dem anderen jungen Mann hören und setzte wieder zu ihrer Befragung an.

Währenddessen habe ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr so gut damit klar komme, wenn um mich herum so massiv geraucht wird. Außerdem hatte ich viel zu wenig gegessen (der Salat beim Abitreffen Griechen hatte geknirscht zwischen meinen Zähnen und ich sag mal so: die Zutaten Tomaten, Gurken und Eisbergsalat haben in der Regel, wenn man sie kauft, keine erdigen Rückstände mehr). Um keine Ohnmacht zu riskieren- wer weiß, wer mich dann „wiederbelebt“ hätte und WIE- der Krankenwagen war vorhin schon angefahren gekommen, weil einer einfach umgekippt war, das Personal hätte mich dann vielleicht vor Don Johnson bewahrt- habe ich gesagt: lass gehen. Auch wenn die Nacht dort mit Sicherheit noch viel zu bieten gehabt hätte…

Und wie back in the good old days hat der Abend dann bei Megges geendet, mit Sitzen auf einer Bank in der Fußgängerzone und noch ein bißchen erzählen, wie das Leben mit fast 50 so ist. Auch wenn ich mir in dem Moment nicht ganz sicher war, ob ich gerade 49 oder eigentlich wieder 17 oder 19 oder so bin.

Ich habe das in letzter Zeit öfter, dass ich mich gar nicht mehr so alt fühle, wie ich bin. Es ist wie wieder ICH sein. Ohne all die Rollen, die ich angenommen habe und ausfülle im Laufe der Zeit.

Dennoch: nie wieder möchte ich so jung sein. Ich bin glücklich, hier angekommen zu sein. Ich möchte durch all das kein zweites Mal durch. Und ich bin soooooo neugierig, auf alles, was noch kommt.

Und auch wenn diesmal keine Busfahrpläne geklaut und Gauloises Werbung von der Plakatwand gerissen und mit der Bastelschere aufgeteilt wurde, hat es mir sehr viel Spaß gemacht. Danke!