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Autor: admin

  • Mama

    Mama

    Ich habe gerade, wie immer, wenn ich Zeit finde, ein special interest und zwar Judith Holofernes. Ich lese gerade ihr zweites Buch- nein, ich höre es, weil mir Lesen nicht schnell genug geht, weil ich dafür nicht so viel Zeit habe, aber beim Gassi gehen, Spülen, Aufräumen, Schminken, Sport (jahaaa, Freundinnen, der Sport hat wieder Einzug gehalten hier!)- also, wann immer niemand mit mir redet oder ich mich auf etwas anderes konzentrieren muss, so wie jetzt, höre ich dieses Hörbuch. Ich hatte es für den Urlaub auf meinen Reader geladen, weil gewichtssparend, aber ehrlich gesagt: ich brauche es auch noch in Papierform. Um die Stellen und Sätze zu markieren, die mir etwas bedeuten.

    “Pas devant les enfants“ ist ein Satz, der im Buch vorkommt, der mir sehr gefällt. Er erinnert mich an die Versuche meines Vaters, ein Familienleben und vor allem Eheleben zu haben, wo die Kinder nicht immer alles wissen und mitbekommen und meine Mutter, die gleichzeitig nicht willens und auf eine gewisse Art nicht in der Lage war, ihm das zu bieten.

    Auch wenn ich keine erfolgreiche Musikerin und Autorin bin, so finde ich doch sooo viel wieder in den Schilderungen von Judith Holofernes, denn wir sind Frauen, gleich alt und haben ADHS. Daraus ergeben sich eine Menge Dinge, in denen ich mich wiedererkenne, ohne mich auf anmaßende Weise mit ihr vergleichen oder gleichsetzen zu wollen. Es tut einfach immer wieder gut, zu lesen, zu sehen, zu hören, zu fühlen: ich bin nicht allein damit.

    Ihre Mutter erinnert mich an vielen Stellen sehr an meine. Das liebevolle, zugewandte, verständnisvolle, das Anderssein als andere Mütter in den 80ern. Auch wenn meine Mutter mit vielen Regeln und Unfreiheiten groß geworden ist, so hatte doch auch meine Oma gewisse stille Rebellinnenqualitäten, die zusammen mit einem Pädagogikstudium in den 70ern in meiner Mutter einen für die 80er Jahre in einer Kleinstadt oft argwöhnisch begutachteten Erziehungsstil gefestigt haben.

    Hatte meine Oma meine Mutter schon mit 5 oder 6 Jahren gezwungen, sich beim Friseur der Tortur einer Dauerwelle zu unterziehen, ihr falsche Haarteile in den Dutt geflochten (der natürlich beim Spielen mit den anderen Kindern auf der Straße stets drohte, sich in seine Bestandteile zu zerlegen, was es unbedingt zu verhindern galt, weil das Ärger gab) und sie später trotz Sonnenallergie genötigt, sich mit Tiroler Nussöl mariniert in die Sonne zu legen und die Haare zu blondieren, so war meine Mutter begeistert auf den genderneutrale-Kleidung-Trend der End70er aufgesprungen bei mir. Meine Kleidung war braun, orange, blau, maximal mal rot und meine Haare kurz. Mein Vater, mit drei Brüdern aufgewachsen, sollte mit später 5 DM anbieten, damit ich mir meine Haare, die gerade etwas gewachsen waren, wieder kurz schneiden lasse. FÜNF MARK!! Das war unerreichbar viel Geld! Natürlich ließ ich sie schneiden.

    In der Grundschule hatte ich lange Haare und einen geraden Pony, genau wie meine beste Freundin. Wir sahen einander so ähnlich, dass selbst mein Opa und ihr Vater uns jeweils einmal miteinander verwechselt haben. Die Haarlänge ließ meine Mutter zähneknirschend durchgehen, Zöpfe, Haarspangen und ähnliches fanden keinen Anklang und keine Unterstützung. War der kindliche Pferdeschwanz nicht ganz akkurat, so wurde gemeckert, aber nicht geholfen, einen ohne Dellen und herausstehende Haare zu frisieren.

    Kleider waren auch ein heißes Thema. Sie musste IMMER welche tragen, damals war das ja auch in den Schulen Pflicht. Das Gymnasium meiner Mutter war immerhin so fortschrittlich, dass die Mädchen und jungen Frauen wenigstens bei winterlicher Kälte Hosen tragen durften, wenn auch unter Missbilligung. Das andere Mädchengymnasium erlaubte nur in Ausnahmefällen Hosen unter den Röcken. Was für eine Scheiße! Damals durfte man keine Hose tragen, aus Sittsamkeit, heute gilt ein Rock, fast egal in welcher Länge, schon als Aufforderung zum Geschlechtsverkehr…

    So hatte ich ganz viele Hosen, aber um jedes Kleid und besonders um jeden Rock (meine Mutter hatte eine zutiefst rassistische Abneigung gegen die damals aktuelle Rockform) musste ich kämpfen. Ein enger Freund meiner Eltern war Vertreter für Kinderkleidung und da war meine Mutter quasi gezwungen, ab und zu ein Kleid zu bestellen. Wenn ich an den Kollektionsständern stand, konnte ich kaum glauben, was für unglaublich tolle Kleider es gab. Meine Mutter versuchte, die neutralsten auszusuchen. So war es auch bei Schuhen: ich bekam die praktischen dunkelblauen Sandalen und die botten, ebenfalls dunkelblauen Kickersschuhe zum Kleid. Lieblichere oder verspieltere Modelle wurden mir verwehrt. Wenn ich doch mal in den Besitz eines solchen Paar Schuhes kam, war ich im Himmel. Da ich evangelisch war, wusste ich auch: ich würde, zusammen mit nur einem weiteren Mädchen aus meiner Klasse, in der dritten Klasse keine weißen Lackschuhe bekommen. Und eben kein weißes Kleid. Ich hätte meine Seele verkauft dafür!

    Meine Mutter war- nein, sie ist nicht tot, auch wenn das so klingt, sie ist nur nicht mehr sie selbst- schlau, wunderschön, lustig, sehr intelligent, viel zu feinfühlig und ängstlich und trotzdem auf eine gewisse Weise badass. Es gab Dinge, da schaffte sie die Anpassung, die von ihr erwartet wurde, nicht. Und ich glaube, sie hat ihr Leben lang darunter gelitten und sich geschämt. Sie konnte uns zum Beispiel einfach nicht so erziehen, wie meine Großeltern väterlicherseits das wollten. Das hat ihr viel Unverständnis und irgendwie auch Ärger eingebracht. Erst als ich Abitur gemacht hatte und studiert habe, fingen meine Großeltern an, mich gut zu finden. Doch nicht auf der Straße gelandet!

    Als ich vor Jahren „The Crown“ gesehen habe, musste ich oft an meine Familie väterlicherseits denken. Wie meine Oma einmal von Bekannten erzählte, dass die ja so Pech mit ihren Kindern hatten. In meinem Kopf entspannen sich wilde Szenarien, womit diese Kinder ihre Eltern so enttäuscht haben könnten: Schäferdasein in Frankreich, Drogen, Obdachlosigkeit, Gefängnis… nein: Scheidung! Wenn eine Mutter Queen Elisabeth und ihr „annus horribilis“ verstanden hat, dann war es meine Oma! Schließlich hatten sich auch zwei ihrer Kinder scheiden lassen. Schrecklich!

    Es wurde nicht über Dinge geredet, „Scheiße, die man umrührt, stinkt!“ war die Maßgabe meines Opas. Meine Mutter aber musste reden. Dinge klären, ansprechen, verstehen… sie biss damit bei meinem Vater auf Granit und meine Großeltern ließen sie gar nicht erst soweit kommen. Wie eine adelige Familie hatten sie höheres im Sinn gehabt für ihre Söhne, als die sehr bürgerlichen Frauen, die sie geheiratet haben. Ganz schön abgehoben, wenn wir mal in diesem Denkmuster bleiben, für eine Familie, die sich aus der Landwirtschaft hochgearbeitet hat. Eine Lehrerin! Pfff. Es hätte gerne etwas mehr Glanz und Glamour sein dürfen, etwas, das repräsentabler ist. Ehrgeiziger für den aufstrebenden Sohn. Ich glaube, sie hofften auf eine Neuauflage des „Powercouples“, das sie waren. Sie wollten eine Frau wie meine Oma für ihn, denke ich. Reisen, Einladungen, Repräsentation, Unterstützung. Eine Außenministerin. Kinder waren erwünscht, aber: sehen, nicht hören, man kennt es. Wobei, meine Oma hat ja, ihr wisst es, meinem Vater sehr deutlich gesagt, dass sie auf sein Kind gewiss nicht aufpassen würde. Gut, ihr jüngstes Kind war damals 15, von außen betrachtet verständlich, aber sie hat sich ab dem zweiten Kind schon wirklich nicht mehr besonders für ihre Kinder interessiert. Wie gut, dass das zwischen meiner Oma und mir auf Gegenseitigkeit beruhte! Ich habe mir eine zupackende, aber weiche, liebevolle, geduldige Ersatzoma gesucht. Das aufgescheuchte Huhn mit den Pelzmänteln und den Reisefotos in der Handtasche konnte ich nicht mit den allgemeingültigen Regeln für Omas in Einklang bringen. Ebenso wenig übrigens wie meine andere Oma, die so verzagt und ängstlich war, dass sie nie und nimmer auch nur eine Minute mit mir alleine hätte verbringen wollen. Als mein Geschwister noch sehr klein war, kam sie ins Altersheim und erst als ich schwanger mit meinem ersten Kind war, starb sie. Dazwischen eine lange Phase Leben, in dem sie sich dem Leben immer weiter zu verweigern und zu entziehen schien, wie schon so lange in ihrem Leben. Ich glaube, krassere Gegensätze als meine beiden Omas gibt es nicht. Kompromissloser Lebenshunger kontra Leiden am Leben.

    Der Kleinstadt war also meine Mutter, die ihre Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht hatte, aus guten Gründen, wie ich finde, das Zögern der Ärzte damals hätte uns beide beinah das Leben gekostet, was aber damals nichts galt, die evangelisch war und ihre Kinder auch so hat taufen lassen, die nicht backen wollte, nicht gerne kochte, unendlich vorgelesen hat, uns hat Fernsehgucken lassen, so viel wir wollten, immer mit uns diskutiert hat und ihre Regeln immer bereit war zu überdenken und anzupassen, die „die Frau von“ war, aber so gar nicht so auftreten wollte- ein Rätsel. Ein Misfit. In den Kreisen in der nächstgrößeren Stadt, in die mein Vater sie mitnahm, aber auch. Ich frage mich manchmal, wo sie richtig hinein gepasst hätte. Vielleicht nirgendwo. Vielleicht nur in kleine, selbstgebaute Welten und Kreise. Eine zeitlang hatte sie zwei Freundinnen, denen sie sich sehr nah fühlte, die verstanden, wie sie war. Eine von den beiden wurde sehr krank und starb vor einigen Jahren. Das muss schlimm für sie gewesen.

    Ach, Hase, ich wünschte, du hättest nicht die Namen deiner Enkelinnen vergessen, sondern die Selbstentwertung, mit der du dich immer betrachtet hast. Aber die sitzt noch. Wann immer wir uns sehen, nörgelst du an dir rum. Und immer auch ein bißchen an mir, weil dir meine Selbstsicherheit suspekt erscheint. Wie etwas, das nicht für mich ist, sondern gegen dich. Ich wünschte, du hättest mehr Mut gehabt. Ich wünschte, du hättest mehr gewusst, über dich, über das, was heute „Trenddiagnosen“ geschimpft wird. Aber dieses Wissen gab es damals nicht. Auch wenn du immer Witze über dein „…“ Sein gemacht hast.

    „Wann immer ich etwas unbedingt wollte, war es nachher scheiße.“ Dieser Satz von dir, hat sich mir eingebrannt und ich denke viel darüber nach.

    Im Grunde warst du eine Rebellin. Nicht in willens und in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen, nach so manchen Regeln zu leben. Weil sie nicht zu dir passten. Aber dir der Mut fehlte, drauf zu scheißen. Du hast dich leise widersetzt, im Nein gelebt und nie im Ja, also im Ja zu dir. Als es mal in unserer Küche um deine absolut fehlende Kochleidenschaft ging, hast du gegrinst, geseufzt und gesagt: „Im Grunde meines Herzens war ich immer eine Intellektuelle!“ So wahr… ich wünschte, du hättest das mehr leben können!

    Und jetzt ist da etwas, das genau da sitzt und genau das zerstört, was dich immer ausgemacht hat. Das dir die Worte raubt, die du immer so gut beherrscht hast. Es bricht mein Herz.

  • Kommst du mit? Teil 2

    Kommst du mit? Teil 2

    Ich habe gerade mit Begeisterung und großer Verwunderung festgestellt, dass ich nach ausgiebiger Sportabstinenz einige Liegestütze hinbekommen habe. Wie geil! Naja, und ich habe i eine der von mir bestellten Kettle Bells auf dem Sofa auf der dort liegenden Decke abgelegt und ich sag mal so: mein Fuß und ich sind nur knapp einer Katastrophe entgangen, dafür hat das Parkett jetzt zwei neue Nachweise darüber, dass hier in diesem Wohnzimmer aktiv und fahrlässig gelebt wird. „Da wird gelebt“ bedeutet ja immer irgendwie die Abwesenheit von Ordnung und womöglich auch einer gewissen Unversehrtheit der Einrichtungsgegenstände. Also, hier wird gelebt, das sag ich euch…

    Ich hatte euch den zweiten Teil meiner Nacht in K versprochen und auch die Fertigstellung der Zeichnung. Mit der Zeichnung muss ich gestehen, könnte es schwierig werden. Die Erinnerung an dieses Gesicht wird immer schemenhafter, mal sehen, ob ich es noch abrufen kann. Aber ich werde es euch beschreiben.

    Wir erinnern uns, wir stehen mit unserer Begleitung am Stehtisch in Jogis Club Disco. Ich kann euch den Namen nicht vorenthalten, ihr sollt die Chance haben, euch selbst einen Eindruck zu verschaffen, ich will hier nicht Gate keepen!

    An diesem Stehtisch sehen wir vier Männer, die ich euch nun in sehr vereinfachenden, stereotypen Beschreibungen skizzieren werde, dabei benutze ich Schubladen und Klischees, ob sie der Wahrheit entsprechen- wir werden es nie erfahren. Fangen wir links an. Ich meine, er hätte, im Gegensatz zu den anderen auf einem Barhocker gesessen. Ein Mensch, der sich immer ein bisschen in sich hineinduckt, eine schlechte Haltung hat, die sich durch seine komplette Erscheinung zieht. Alles an ihm wirkt faltig, fast etwas zerknüllt vom Leben, die Haut, der Blick, die Haltung, die Ausstrahlung. Die Haare und der Bart sehr kurz und schon grau meliert, alles im Kontrast zu einer schneeweißen Adidasjacke, bis zum Kinn geschlossen, er könnte fast ein cooler Typ sein, wenn er nicht so zerknittert wirken würde. Sein Alter ist schwer zu schätzen, womöglich hat er die Dreißiger schon verlassen, aber sicher bin ich nicht. Daneben einer, den ich in der ersten Hälfte seiner Dreißiger verorte, dessen Brille irgendwo aus den 2000ern oder zumindest 2010er Jahren zu stammen scheint. Dazu ein Hoodie in einem Ton, der beinah schon lindgrün ist. Aber nur beinah. Es ist irgendwie eine Kinderpullifarbe. Er trägt einen Bart, man ist sich sicher, dass er sehr viel Zeit am Rechner verbringt, womöglich auch beruflich, vielleicht aber auch nicht. Er macht einen harmlosen, fast schon lieben Eindruck, auch ein bisschen nerdie vielleicht. Ganz rechts, also neben mir, steht ein weiteres harmloses Exemplar, auch im Hoodie, hier reden wir von einem eher rostigen Rotton. Blondes Haar, schon auf dem Rückzug, obwohl ich mal schätze, dass hier erst eine 3 vorne steht. Und dazwischen steht er: der Platzhirsch. Er ist nicht zu übersehen. Er wirkt irgendwie raumfüllend, wie er da steht. Dominant. Der Körper wirkt undefinierbar rund, irgendwie viel. Die Haare lockig, kurz, jedoch ohne erkennbaren Schnitt, die Geheimratsecken und die Stirn sind bereits fortgeschritten raumfordernd. Um dem zu begegnen, so scheint es, werden die Locken aufgeplustert, auf dem Kopf wirken sie zusammengekämmt wie ein einzelnes Horn, das einen, trotz seiner Singularität, eher an den Teufel als an ein Einhorn denken lässt. Er trägt ein schwarzes Sakko. Ob er die Ärmel locker aufgekrempelt hatte, ich weiß es nicht mehr, aber insgesamt würde ich sagen Ja, es schien, als er wolle er eine gewisse Don Johnson mäßige Lässigkeit erzeugen, die in diesem Ambiente zeitlich eine perfekte Heimat fand. Das weiße T-Shirt, das er zu diesem Zwecke unter dem Sakko trug, ließ uns aber nicht uniformiert darüber, dass er musikalisch durchaus in diesem Jahrtausend angekommen war: Sido. Mein Block. Das alles wurde zusätzlich geschmückt mit einer Kette mit Kreuz und einem Ring. Ich konnte nicht ganz ausmachen, ob der extra war oder Teil des Anhängers. Sein Gesicht in diesem Lockenrahmen war eine Mischung aus Putte und 80er Jahre Schauspieler. Ich hab mich mal da durch gesucht und Karl Obermayr gefunden. Der hat ungefähr die passende Frisur und den müsst ihr euch jetzt mit einem moppeligen Babyface vorstellen mit viel zu viel Selbstbewusstsein

    Und der Kerl steht da nun und lächelt mich an. Mit einem sehr unmissverständlichen Lächeln, kein Grinsen, aber doch mit dieser Selbstgewissheit, ein begehrenswertes Objekt zu sein. Ich wusste gar nicht, wie ich schnell genug wegschauen sollte. Aber die Faszination des Grauens ließ mich immer wieder Blicke riskieren, es war mein Sport, rechtzeitig wieder wegzuschauen.

    Innerlich hatte ich schon gelästert, dass hier mit Sicherheit keine Frauen zu gehören, da belehrte mich das Leben eines besseren. Gleich zwei tauchten auf. Die eine mit mehr, die andere mit weniger Körper, ich möchte am liebsten auch hier liebevoll in die Details gehen, aber dann wird das hier ein Dreiteiler. Die eine, schmalere trug einen Blazer, darunter ein Shirt mit Strippen im Dekolltée, in der Mitte zusammengeführt von einer strassbesetzen Klammer. Auch hier waren Brille und Haarschnitt irgendwo in den 2010er Jahren zu verorten, man hatte das Gefühl, sie schon mal in einer Folge „Der Trödeltrupp“ gesehen zu haben. Die andere trug kurzen Rock, viel Spitze, viel Locken, viel Acrynägel, viele Tattoos, natürlich auch im Brustbereich und legte zur Begrüßung ihren Kopf auf die Schulter unseres Don Johnson. Schien ihm nicht zu gefallen, er ignorierte sie stoisch und genervt.

    Intermezzo: aus der anderen Richtung kommt ein wirklich sehr jung wirkender Kerl. Babyface, Babyhaut, zarter blonder Schnauzer, Hemd, gebügelt, Kapuzenjacke drüber, begrüßt uns, stellt sich mir vor und berichtet meiner Begleitung von seinem Abend davor und wo im öffentlichen Raum er übernachtet habe. Zeigt ein Foto. Leider nicht mir. Verschwindet.

    Blick auf die Szene am Tisch: Tränen fließen. Don Johnson guckt aggressiv genervt, andere Frau und grüner Hoodie trösten, halten Hand und reichen Taschentücher. Wir überlegen mal den Standort, also Stehort zu wechseln. Ein freier Stehtisch ist in Sichtweite. Bis wir ankommen, stehen schon andere da. Das Babyface kommt wieder an uns vorbei. Erzählt weiter. Scheint ein fester Bestandteil des Nachtlebens dieser Stadt zu sein, immer dabei, immer voll. Zeigt ein Foto seiner Tochter. Winzig kleine Maus in einer Karnevalsuniform. Kosten: vierstelliger Betrag, aber würde dank Knöpfen und Bändern mitwachsen. Er habe sein vereinskarnevalistisches Engagement jetzt eingestellt wegen seiner Tochter, das beanspruche zu viel Zeit. Er zieht wieder von dannen. Mein Gesicht ein Fragezeichen: warum das Einstellen, wenn mann dann offensichtlich trotzdem dauernd feiern ist und nicht mal zu Hause schläft? Und wie kann man bei diesem Lebenswandel so unverbraucht aussehen?

    Dann kurzes Aufsuchen des Raucherbereichs für meine Begleitung. Wir reden hier von einem schlecht belüfteten Durchgang, kleiner als eine Garage. Mit uns drin: die Weinende mit ihrem emotional support Duo. Beide sehr zugewandt, sie völlig aufgelöst:

    “Warum grüßt die mich nicht????? Ich will gar nichts von dem! Warum grüßt die mich nicht?“ Andere Frau: „Mir hat sie zugenickt.“ „Warum grüßt die mich nicht? Ich will ja gar nichts von dem, ich habe von Anfang klargestellt, dass ich den nicht angebe als Vater und keinen Unterhalt will, ich weiß ja, dass der genug mit seinem Sohn hat und nicht so viel Geld- der ist Müllmann- aber warum grüßt die mich nicht?????“ Wir haben uns nur angegrinst, ob dieses Schauspiels, dieses emotionalen Monologs und wahrscheinlich beide gewünscht, wir bekämen noch mehr Details.

    Unsere Aufmerksamkeit wurde dann aber von einer weiteren, laut und deutlich geführten Diskussion gefordert, hier ging es um die offensichtlich neue Haarfarbe einer jungen Frau, deren Freundin einen strunzvollen Kerl immer wieder anherrschte: „Ja, nu sag mal, wie die Haarfarbe heißt! Sag mal! Sag mal, wie die Haarfarbe heißt!“ unterbrochen von seinen Versuchen, es ihr mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten recht zu machen: „Grau?“ „Grauuu?“ „Graaauu?“ „Das Graue geht noch weg, das ist vom Färben, wie heißt die Haarfarbe? Hm? Wie heißt die Haarfarbe? Steht ihr doch gut, oder nicht?“ bis aus einer Ecke einer, bei dem ich bezweifle, dass er ohne den Halt dieser Ecke noch gerade hätte stehen können, das erlösende „Das ist Wasserstoffblond!“ kam. Die Freundin ließ das gelten, wollte es aber nochmal von dem anderen jungen Mann hören und setzte wieder zu ihrer Befragung an.

    Währenddessen habe ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr so gut damit klar komme, wenn um mich herum so massiv geraucht wird. Außerdem hatte ich viel zu wenig gegessen (der Salat beim Abitreffen Griechen hatte geknirscht zwischen meinen Zähnen und ich sag mal so: die Zutaten Tomaten, Gurken und Eisbergsalat haben in der Regel, wenn man sie kauft, keine erdigen Rückstände mehr). Um keine Ohnmacht zu riskieren- wer weiß, wer mich dann „wiederbelebt“ hätte und WIE- der Krankenwagen war vorhin schon angefahren gekommen, weil einer einfach umgekippt war, das Personal hätte mich dann vielleicht vor Don Johnson bewahrt- habe ich gesagt: lass gehen. Auch wenn die Nacht dort mit Sicherheit noch viel zu bieten gehabt hätte…

    Und wie back in the good old days hat der Abend dann bei Megges geendet, mit Sitzen auf einer Bank in der Fußgängerzone und noch ein bißchen erzählen, wie das Leben mit fast 50 so ist. Auch wenn ich mir in dem Moment nicht ganz sicher war, ob ich gerade 49 oder eigentlich wieder 17 oder 19 oder so bin.

    Ich habe das in letzter Zeit öfter, dass ich mich gar nicht mehr so alt fühle, wie ich bin. Es ist wie wieder ICH sein. Ohne all die Rollen, die ich angenommen habe und ausfülle im Laufe der Zeit.

    Dennoch: nie wieder möchte ich so jung sein. Ich bin glücklich, hier angekommen zu sein. Ich möchte durch all das kein zweites Mal durch. Und ich bin soooooo neugierig, auf alles, was noch kommt.

    Und auch wenn diesmal keine Busfahrpläne geklaut und Gauloises Werbung von der Plakatwand gerissen und mit der Bastelschere aufgeteilt wurde, hat es mir sehr viel Spaß gemacht. Danke!

  • Kommst du mit? Teil 1

    Kommst du mit? Teil 1

    Weil ich eigentlich gerade Wäsche aufhängen, zusammenlegen und wegräumen müsste, mein Bett frisch beziehen, die Hundefutterdosen auffüllen, Pappe klein machen, um meinen Schreibtisch herum aufräumen und nach Auffassung des Dackels mit dem Dackel spielen müsste, schreibe ich jetzt einfach noch den Eintrag zur meiner Nacht in K. und, wie bereits angedeutet, dabei handelt es sich nicht um Köln.

    Wie ich da hingeraten bin? Ich bin entgegen meiner Entscheidung, dem Abitreffen fernzubleiben, doch hingegangen und hatte einen wirklich schönen Abend. Wir waren eine Stufe mit sehr, SEHR vielen Leuten und davon waren sehr, SEHR wenige da. Was aber auch bedeutete: alle, auf die ich keinen Bock hatte, waren nicht da.

    Nach einer wirklich harten Woche, habe ich mir vorgenommen, das fucking beste aus diesem Samstag zu machen. Ich war also mit meinem Kind bei einer Einladung zum Bestaunen der Herbst-Winter-Kollektion in einem Laden in Düüüüüüsseldorf. Es war nett, aber ich gebe zu, ich hatte mir mehr Lästerstoff erhofft. Es war dann doch geradezu unspektakulär. Aber dadurch nicht weniger schön, etwas mit meinem Kind zu machen.

    Danach habe ich auch noch sehr schön etwas alleine gemacht und bin glücklich nach Hause gefahren. Da habe ich auch noch den Tag schön sein lassen und dann habe ich auf´s Handy geschaut und in der Abitreffengruppe waren Fotos vom Abitreffen. Und irgendwie dachte ich mir: alle, die da sitzen, sind die Netten. Wenn die mich Sachen fragen, auf die ich nicht antworten will, lüge ich eben oder weiche aus und außerdem sehe ich heute wirklich gut aus. Also schnell nochmal mit den Hunden raus und ab ins Nirgendwo zu einem gar nicht mal so guten Griechen.

    Niemand hat mich Sachen gefragt, die ich nicht beantworten wollte. Vielleicht fragt man in unserem Alter auch nicht mehr so bohrend wie mit 25 oder 30. Vielleicht haben wir alle Themen, nach denen wir nicht gefragt werden wollen und fragen deswegen auch nicht mehr bei den anderen so unnachgiebig. Wir haben uns also einfach unterhalten über Dinge. Und das war schön, das war lustig und ich habe mich gefreut, hingefahren zu sein.

    Und dann sind wir nachher noch zu zweit in die Stadt mit K gefahren. Weil ich gesagt habe, ich will nochmal tanzen gehen. Laut, dunkel, viel Bass. Ich sag mal so: das haben wir jetzt nicht gefunden. Aber zumindest für meinen Geschmack war das, was wir gefunden haben, ein guter Ersatz.

    Wir sind gestartet in einem Laden mit viel, mit SEHR VIEL Bass, aber zu laut, zu schnell, die Leute zu jung und ich zu alt für Gabber und Hardstyle, aber ich hatte einen Eindruck. Da raus sind wir direkt zum Kontrastprogramm übergegangen: wir standen am Eingang zu WDR 4 Schlagerparty und der einfach nur unglaublich süße Türsteher riet uns DRINGEND davon ab, da reinzugehen. Empfahl die Location 50m entfernt. Nee, da lief Reggae, das hatten wir schon ausgeschlossen. Schaut uns an, überlegt, was wir machen sollen. Duisburg? Sein Kumpel arbeite da heute Abend, der habe eine Nachricht geschickt, er könne ja mal hören, was der sage. Oder Düsseldorfer Altstadt? Ach, am besten sollten wir uns eine Flasche Wein holen und uns zu Hause einen schönen Abend machen. Auf unsere zögerliche bzw. irgendwie ablehnende Reaktion, fragte er nach, warum nicht. Wir haben ihn dann in Kenntnis gesetzt, dass wir uns gerade erst nach 30 Jahren wiedergetroffen haben. Ach, so, sagt er. Aber, ihr wärt doch ein gutes Paar. Wieder sparsame Reaktion. Nicht? fragt er. Oder seid ihr mit anderen verheiratet? Das haben wir dann verneint. Ich sag mal so: sein GO hatten wir. Wir haben uns dann trotzdem ein Stück vorgewagt zur Schlagerparty bis an die Kasse, haben die Leute auf uns wirken lassen und sind dann zu dem Entschluss gekommen: besser nicht.

    Nächstes Ziel eine wirklich süße- ja, was denn? Kneipe? sagt man das noch??? Zwei Colas und zwei Bier lang sitzen, Schneidersitz auf der Bank und quatschen, zuhören, erzählen, was eben keiner gefragt hat und was man eben auch nicht so gerne allen erzählt hätte. 30 Jahre sind eine lange Zeit, wird einem klar. Dann haben die zugemacht und wir sind weitergezogen.

    Nächste Location. Und das war der Hammer! Eine simple Tür, verkleidet mit weißen Leisten aus den, sagen wir mal 80ern, maximal 90ern, Klingel, es wurde geöffnet, wir durften sofort rein, die drei jungen Frauen, die mit uns da standen, wurden erst mal nach den Ausweisen gefragt. Ich denke ja bis heute, ich muss meinen Ausweis zeigen, egal wo, auch beim Alkohol kaufen. Aber aus irgendeinem Grund teilte der junge Mann an der Kasse mein Gefühl nicht, auch nicht, nach dem meine Begleitung zur Sicherheit nochmal nachgefragt hat, ob er nicht auch unsere Ausweise sehen wolle.

    Der ganze Laden bestand aus Holzverkleidungen aus den 80ern, DC fix, Klebeband, abenteuerlich verlegten Kabeln, Lichterketten, Trockenblumen, die allerdings auch schon vertrocknet waren, rassistischen Dekofigürchen und einem Wirt, der eine Haut wie mumifziert hatte und Haare, die wirkten, als habe auch das Toupet Haarausfall. Daneben sprangen Typen hinter der Theke rum, die aussahen, als könnten sie fast hauptberuflich im Trash TV arbeiten.

    Ich bin lange nirgendwo mehr reingekommen und mit so einem „Ah, Frischfleisch“ Blick angesehen worden. Aber hier war es nach Jahren bzw. Jahrzehnten mal wieder soweit. Ich bilde mir nichts darauf ein, an diesem Ort ist man nicht wählerisch. Also, ich schon, aber andere nicht…

    Von dem Typen, der nicht nur mir, sondern auch meiner männlichen Begleitung im Laufe unserer Verweildauer immer wieder ein Lächeln schenkte, was Sido damit zu tun hat, den Tränen, die flossen und den alkoholisierten Diskussionen über die korrekte Bezeichnung einer Haarfarbe erzähle ich euch in Teil II.

  • Dopaminkater

    Dopaminkater

    Mein Nachtleben besteht ja in der Regel aus schlafen, schlecht schlafen oder die Nacht zum Tag machen, weil ich erst am späten Abend Zeit für mich finde. Das bedeutet, dass ich ungesundes Zeug esse und irgendetwas anschaue, was ich im Zweifel schon kenne und/ oder mich so fesselt, dass ich nicht aufhören kann. Wirklich selten kommt es vor, dass ich erst richtig spät zu Hause bin, noch seltener, dass ich im Verlauf eines solchen Abends Alkohol getrunken habe. Ich bin also mehr als solide, geradezu langweilig.

    Ich liebe die Nacht. Schon immer. Früher in den Sommerferien war ich bis drei, manchmal vier Uhr wach und habe ewig geschlafen. Ich war gar nicht unterwegs, ich war zu Hause. In meinem Zimmer. Und habe es genossen, einfach „zu sein“. Malen, zeichnen, schreiben, nähen, Musik hören, Filme anschauen, zum zweiten oder zehnten Mal. Wunderbar. Schlafen müssen war für mich, bis ich Kinder hatte, nichts, was mich glücklich gemacht hätte, es war eine Notwendigkeit. Früh aufstehen war nicht mein Ding, aber ich habe es stets geschafft, der Gedanke, zu verschlafen, war mir arg. Mein Morgen war minutengenau getaktet, ich habe nicht einmal die S-Bahn verpasst. Wenn man nicht gezwungen ist zu schlafen, weil man hundemüde ist- oder kleine Kinder auf einen warten morgens um 6 (da ist man dann allerdings in der Regel auch IMMER hundemüde), kann ich es sehr genießen, nachts wach zu sein. Nachts sind zwar alle Sorgen größer, aber das passiert meistens nur, wenn man mitten in der Nacht nach zwei, drei, vier Stunden Schlaf aufwacht. Wenn man einfach wach bleibt, gehen die Sorgen ein Stück zur Seite, machen Pause. Dann stehen Sorgen und Zeit still. Niemand will etwas von einem. Die Welt um einen herum schweigt. Man ist sein eigener Mensch und irgendwie frei.

    Ich denke immer, ich hatte zwei Möglichkeiten mich zu entwickeln. So, wie ich es tatsächlich getan habe und dann gibt es noch die ungesunde Variante.

    Ich glaube nicht, dass ich mich Alkohol oder Drogen zugewandt hätte in dieser zweiten Variante, aber dennoch wäre es eine von Dopaminsuche bestimmte Entwicklung gewesen, in der Ausgehen und Männer- und vielleicht auch Frauengeschichten eine wesentliche Rolle gespielt hätten und viel Potenzial gehabt hätten, mich vollkommen auszulaugen. Ich hatte keine Ahnung von Dopamin und vor allem gab es das sehr treffende Wort „Dopaminkater“ noch nicht, aber das war nach manchen Abenden und Nächten genau das, was mich danach ereilt hat. Nach dem Hoch, der Freude, dem Tanzen, der Bestätigung, dem frei von allen Verantwortlichkeiten durch die Gegend ziehen, kam der Tag danach und wenn ich Pech hatte, war dann da eben kein Dopamin mehr. Dann war da Pause. Die die anderen den Rausch hat ausschlafen lassen, mich aber in ein Loch fallen ließ. Wissen, es geht heute nicht mehr so weiter nach drei Tagen Feierei am Schützenfest oder Karneval. Alleine sein, wieder funktionieren müssen. Wenn alle anderen betrunken oder bekifft oder beides waren, dann konnte ich machen, was ich wollte. Who were they to judge? Sie haben ja auch gemacht, was sie wollten, hahaha, lustige Saufgeschichten entstehen so, man ist weniger verantwortlich für sein Handeln, die Erinnerung ist unschärfer. Und in diesem, im wahrsten Sinne des Wortes, „Dunstkreis“ konnte auch ich frei sein.

    Ich habe irgendwann mal gelesen, dass dieses Loch „danach“ normal ist und keine Frage der mentalen Stärke oder der Disziplin, sondern der Chemie im Körper. Das hat mir sehr geholfen zu verstehen, was an Tagen nach sehr schönen Dingen mit mir passiert ist. Warum blieb kein warmes Glücksgefühl in mir? Warum war da eine schmerzhafte Leere? Warum war ich so undankbar und immer unzufrieden, immer suchend? Warum war ich, je schöner etwas war, umso unglücklicher danach? Ich habe diese kleine Notiz in einer Zeitschrift ausgeschnitten und mir an die Küchentür geklebt. Als Erinnerung daran, dass ich nicht versagt habe, wenn ich mich so fühle.

    Wäre ich in eine Stadt mit mehr Nachtleben gezogen und hätte die richtigen, aber falschen Leute getroffen, ich wäre mit Sicherheit von Donnerstagabend bis Montagmorgen unterwegs gewesen. Die restlichen Tage der Woche hätte ich mit warten auf einen Anruf von irgendeinem Typen verbracht. Gut, dass meine anderen Anteile beschlossen haben, dass wir da mal fein die Finger von lassen und lieber sesshaft werden.

    Nach meiner ersten Trennung hatte ich nochmal einen Moment, wo dieses alte Ich zum Vorschein kam und nichts davon hat mir gut getan. Wir reden hier überhaupt nicht von Exzessen, sondern nur von Abenden, die andere locker wegstecken. Deren Hirn nicht so ist, wie meins. Dazu kam noch der völlig falsche Typ, der mit seinem Verhalten alles in mir getriggert hat, was sich triggern ließ (und hier ist das Wort richtig verwendet) und ich war innerlich ein völlig überfordertes Wrack. Meine ganze Hirnchemie ist eskaliert, ich habe mich geschämt, mich in den falschen Mann verliebt, den Panikmodus meines Körpers für „Schmetterlinge im Bauch“ gehalten, gewusst, das ist alles falsch hier- weil auch andere mir das gesagt haben- und trotzdem habe ich da nicht rausgefunden. Nicht auf die richtige Weise. Ich habe mich- mal wieder- sehr für mich geschämt. Sooo sehr. Für das Chaos, das ich verursacht habe und die Schmerzen, meine Gefühle, meine Bedürfnisse, meinem selbstgewählten Leben und seinen Ansprüchen gerade nicht richtig gerecht zu werden. Wieder etwas nicht geschafft zu haben. Und so habe ich getan, was ich für richtig hielt: ich habe versucht, das alles ans Laufen zu bekommen. Das Chaos in etwas solides zu verwandeln. Mich wahnsinnig angestrengt, für den falschen Mann die richtige Frau zu sein. Meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Wieder eine ausgeglichenere Mutter für meine Kinder zu sein.

    Ich schäme mich auch heute noch für mich damals. Aber ich versuche auch, Verständnis für mich zu haben. Mich nicht zu verurteilen, sondern zu verstehen. Alles, was ich wollte, war ein guter Mensch sein. Eine, die ihr Leben hinbekommt. So zu sein, wie die anderen.

    Ich habe das Jahre lang durchgezogen. Bis zur völligen Selbstaufgabe und Auflösung meiner Persönlichkeit. So sollte es sein. Das war die Strafe für mein Ich-sein. Die VERDIENTE Strafe für mein Ich-sein. Ich war allein für all das verantwortlich, was sich in meinem Leben nicht gut anfühlte und ich hatte nur das Recht, es auszubaden, nicht, es zu ändern.

    Auch wenn ich es kaum gemerkt habe, hat irgendwann in mir ein Prozess eingesetzt, der über Jahre langsam, aber stetig dafür gesorgt hat, dass ich mich aus diesem Zustand raus entwickle. Etwas in mir hat die Verantwortung übernommen. Ich habe mich frei gekämpft aus Dingen, Grenzen gezogen, Verantwortung nochmal ganz neu und anders übernommen.

    Jeder, der mich ein bisschen kennt, weiß, wie wichtig es mir ist, über die Sache mit der Neurodivergenz zu reden. Über ADHS und auch über das Autismus Spektrum aufzuklären. Ich nerve ganz hart damit bisweilen, aber es ist mir so unendlich wichtig, dass Menschen wie ich irgendwann begreifen dürfen, dass das, was sie ihr Leben lang fühlen, echt ist und einen Namen trägt. Dass sie nicht allein sind. Nicht mein ADHS hat getan, was ich getan habe, aber es hat dazu geführt, dass sich viele Dinge für mich anders angefühlt haben, als für andere. Warum mir schwer fiel, was anderen leicht fiel. Warum ich auf die falschen Reize angesprungen bin. Und ich nie verstanden habe, warum das so ist. ADHS ist auch eine Gefühlsregulierungsstörung. Das zu wissen, hilft mir sehr, meine Gefühle noch mal anders, genauer, aber auch geduldiger und liebevoller anzuschauen. Und sie besser zu kommuniz

    Mein Wissen über mich macht mich zu einem besseren Menschen auch anderen gegenüber. Und das, obwohl es mich kompromissloser macht. Deutlicher, klarer, bestimmter. Ich habe unendliches Verständnis für andere, das hatte ich auch früher schon. Aber ich habe es immer mit der Erlaubnis gleichgesetzt, mich so zu behandeln, wie es in ihren Möglichkeiten lag. Habe gedacht, es liegt an mir, dass ich nicht zufriedener bin, mit dem, was sie mir geben können. Dass ich nicht fordernd sein darf, zufrieden sein muss, mit dem was ich bekomme. Das ist nicht mehr so. Ich verlange immer noch nichts, was mir jemand nicht geben kann. Aber ich ziehe daraus nicht mehr den Schluss, dass deswegen mein Bedürfnis falsch ist. Dass ich kleiner sein muss.

    Ich habe keine Ahnung, wie lange mein Leben noch dauert. Aber fest steht: dieser Teil meines Lebens gehört mir.

    Noch nie in meinem Leben mochte ich mich so gerne wie jetzt. Ich halte mich gerade für die beste Version meiner selbst und trotzdem will ich nicht hier stehen bleiben. Ich bin gut. Für mich. Nicht für andere. Aber vielleicht strahlt das ja ein bisschen ab auf euch ;-).

    Wie sind wir hier gelandet??? Ich wollte euch von meinem Abitreffen erzählen! An dessen Ende ich unerwartete Einblicke in das Nachtleben einer niederrheinischen Großstadt gewonnen habe, von denen ich euch unbedingt erzählen wollte.

    Ich hatte übrigens am nächsten Tag keinen Dopaminkater. Sondern war aufgekratzt, amüsiert, gut unterhalten und habe mich gefreut über diesen Ausflug in eine andere Welt. Wie schön!

    Das Thema für den nächsten Eintrag steht also schon.

  • Ruhe, bitte!

    Ruhe, bitte!

    Warnung: ich habe diesen Eintrag Korrektur gelesen, aber vielleicht nicht all zu konzentriert. Verzeiht bitte falsche Satzanschlüsse und Rechtschreibfehler!

    Ich hatte einen Beitrag angefangen und dann kam das Leben dazwischen. Ich habe sehr viel Leben, das immer sehr viel dazwischen kommt. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass das Leben mal ein paar Stunden Pause macht.

    Neurodivergente Menschen brauchen zum Auftanken nicht Schlaf, sondern Ruhe. Das ist etwas anderes und für viele von uns auch nicht einfach zu erlangen. Selbst Menschen, die nicht sind wie wir, finden schwer Ruhe, können schlecht abschalten. Es ist vielleicht ein generelles Problem. Aber da ich nun mal ein sehr lustiges Gehirn habe, gehe ich von mir aus und nicht von anderen.

    Ich erhole mich, wenn ich in Ruhe, in meinem Tempo meine Dinge machen kann. Ich kann extrem effektiv arbeiten, wenn man mich lässt. Manchmal leide ich an den ADHS typischen Paralysen und ich kriege nichts geschissen. Dann hilft Medikinet. Ich war heute richtig gut, sogar ohne Medikamente. Ich habe Dinge gemacht, wie eine Erwachsene. Ich habe gefrühstückt und zwar etwas vernünftiges. Ich habe Wohnzimmer und Küche aufgeräumt, den Hof gefegt und die Haufen IN DIE TONNE GESCHAUFELT, habe Wäsche gemacht und bei all dem nichts gestümpert, sondern alle Schritte gemacht. Ich habe die Wäsche sogar in den Schrank gelegt. Sogar die Handtücher, die seit fast drei Wochen gefaltet neben dem Trockner im Wäschekorb lagerten. Einfach eine Macherin! Wahnsinn! Unglaublich, dass es Menschen gibt, die das einfach jeden Tag so machen können. Mal mit mehr, mal mit weniger Schwung, aber einfach machen können.

    Wenn ich mir meinen Garten und andere Bereiche meines Lebensraums so anschaue, dann frage ich mich: was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Viel kann es nicht sein, denn irgendwie müssten dann viele Dinge besser laufen. Ordentlicher. Erwachsener. Ich habe immer das Gefühl, mein Leben befindet sich permanent im Ausnahmezustand. Entweder gibt es aktiv etwas zu managen oder ich bin völlig erschöpft von dem, was es wieder zu managen galt. Und ich bekomme kein Geld dafür. Ich wäre so eine geile Assistentin oder Troubleshooterin! Ich könnte damit Höchstgehälter verdienen. Aber hier fühlt es sich einfach nur erschöpfend an. Ich bin Sisyphos, der den scheiss Stein ununterbrochen den beschissenen Berg hoch rollt. Und gleichzeitig bin ich Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Neuerdings mit einem zusätzlichen Feature: Hitzewallungen. Kurz, aber heftig heizt mich immer mal wieder zwischendurch der innere Heizpilz von 36,5 Grad auf mindestens 90 auf. Ich habe jetzt kein inneres Leuchten mehr, es ist ein inneres Glühen. Wie im Stahlwerk.

    Selbstmitleid? Ja, von mir aus, nur zu, könnt ihr gerne so nennen. Ist mir egal. Ich möchte mir gerade einfach mal leid tun. Es ist alles zu viel. Eigentlich war mein Plan, jetzt im Urlaub zu sein. Rumliegen, lesen, Rätselheft bearbeiten, wie so eine Omma. So sehr ich mich freue, wieder zu Hause zu sein, so sehr wünschte ich, mich doch auf einer Insel verstecken zu können. Oder auch bei mir zu Hause.

    Ich möchte einmal haben, was andere haben. Probleme in einer normalen Größenordnung. Sich zu vergleichen ist ein ein Expresshighway in die Unzufriedenheit, deswegen tue ich das nicht. Aber manchmal beneide ich Leute um das, was sie als Alltag haben.

    Eine Therapeutin, die mir in den letzten Monaten begegnet ist, tippte, schaute mich an und sagte: „Drei neurodivergente Kinder und Sie sind ja auch neurodivergent…“ Sie ließ den Satz unvollendet. Wir wussten beide, was sie meinte. Ein paar Wochen später sagte sie: „Haben Sie denn jemanden? Einen anderen Erwachsenen?“ und da dachte ich nur: nein. Ich habe keinen Erwachsenen. Alle meine Freund*innen und meine anderen Erwachsenen haben sehr viel eigenes Leben. Sie hören mir zu, nehmen Anteil, sind die süßesten Mäuse überhaupt, sie sind immer für mich da. Aber ich bin mit meinem Alltag alleine. Ich bin eine Mutter und zwei Väter in einer Person. Und auch noch ein paar Großeltern, wenn man so will.

    Neurodivergente Menschen brauchen oft andere Menschen. Zur sogenannten Co-Regulation, weil die Gefühle oft so groß und unverständlich für einen selbst sind, dass man jemanden braucht, der einem dabei hilft. Es gibt auch das sogenannte Body Doubling. Das heißt, dass man jemand anderen oder sich gegenseitig bei Aufgaben begleitet. Zum Beispiel, wenn man einfach nur dabei sitzt, wenn jemand lernt, Steuererklärung macht oder Rechnungen bezahlt. Man telefoniert und beide machen Hausarbeiten dabei. Es gibt viele Arten, das auszugestalten. Manchmal muss man uns auch ans Essen erinnern oder fragen, ob wir genug getrunken haben. Manchmal sind wir so im Hyperfokus, das wir vergessen, auf die Toilette zu gehen. Überhaupt der Hyperfokus! Schon mal jemanden aus dem Hyperfokus gerissen? Das ist, wenn der ADHSler endlich im Flow ist, ganz tief drin in einer Sache und richtig voran kommt, nichts anderes mehr mitbekommt. Da rausgerissen zu werden und dann wieder in der Realität zurecht zu kommen, ist schwierig. Vor allem, wenn man dann nicht unwirsch oder grantig sein will, weil man ja weiß: das ist kacki. Aber oftmals ist man eben noch nicht wieder ganz zurück und wirkt unaufmerksam und unzufrieden, weil man unterbrochen wurde. Der Flow ist weg, der Gedanke, es ist, als hätte einer mit der Axt reingehauen. Sei dann mal aufmerksam und auch noch ZUGEWANDT!!! Als Mutter von älteren Kindern wirst du da viel belächelt oder auch kritisiert, wenn du es nicht schaffst umzuswitchen.

    Neulich habe ich mit einem/r ADHS diagnostizierten Jugendlichen beim Beobachten eines Kindes, das sich gerade in der Diagnostik befindet, unterhalten, was mit der Begrifflichkeit „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ gemeint ist. Eigentlich meint es ja, dass wir nicht genug Aufmerksamkeit aufbringen können. Das stimmt nicht. Wir bringen sie nur nicht immer dafür auf, wo sie gefordert ist. Wir haben sehr viel Aufmerksamkeit für Dinge, die uns interessieren. Und da wirklich deep und umfassend! Ich habe dann erzählt, dass ich früher dachte, der Mensch empfinde es so, als bekäme er/ sie nicht genug Aufmerksamkeit. Und im Grunde ist da etwas Wahres dran, wenn ich mir anschaue, wie wir funktionieren. Wir verarbeiten Gefühle und Erlebtes oft durch reden, brauchen Begleitung in den banalsten Alltagsdingen, wohingegen wir komplizierteste Dinge komplett alleine wuppen- mal eben. Wir brauchen aber nicht nur Aufmerksamkeit, wir geben sie auch. Wir verstehen, kümmern und engagieren uns. Und wenn sich zwei von uns treffen, müsst ihr mal sehen, wie die zwei ADHSler auf Anhieb matchen können! Wie sie sich glücklich und gesehen fühlen und direkt all-in gehen. Smalltalk? Hä? Los, lass alle Kindheitstraumata und Ängste teilen!!! Da kommt kein konventionell verdrahtetes Gehirn mit. Und will das wahrscheinlich auch gar nicht.

    Aber all das ist anstrengend. Ich habe eineneurodivergente Freundin, die hat keine Kinder und sagt immer nur, für mich mit erschöpft: „Ey, wie machst du das?? Ich habe mit mir alleine schon so viel zu tun!“

    Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich ohne mein Muttersein wahrscheinlich auch weniger gut mit mir klar käme. Das gibt mir Halt, Struktur und eine Aufgabe. Aber es ist auch verdammt viel. Und manchmal herrscht hier Chaos auf einem Niveau, das keiner versteht in einer Taktung, die ich nicht verstehe, verstehen will. Die zu viel ist. Zu viel für eine Person. Und eben auch oft zu viel für die Menschen drum rum. Das macht „solche“ Menschen oft einsam. Wir sind viel und anstrengend, wir neurobuntesreusel Menschen. Aber die Welt, in der wir leben, ist leider so oft so gar nicht passend für uns. Sie ist laut, unverständlich, beängstigend, überfordernd und manchmal trotzdem scheiße langweilig.

    Ich habe mich darauf verlegt, der Mensch zu sein, den ich gerne hätte. Ich bin nicht perfekt darin. In nichts und eben auch nicht darin. Sie ist stets bemüht, würde ich mal sagen. Und manchmal fliegt mir mein ganzes Leben von einer Sekunde auf die andere um die Ohren. Weil hier so viel von Stabilität und Verlässlichkeit abhängt. Meiner Stabilität und Verlässlichkeit.

    So, und jetzt verlasse ich meinen Oversharing-Hyperfokus und gehe auf die Toilette, wo ich schon hin muss, seit ich mit Tippen angefangen habe. Und eigentlich müsste ich auch noch was vernünftiges essen (also was anderes als Chips im Bett). Und eventuell duschen. Wo ist der Erwachsene, der auf mich aufpasst??

  • Not suitable for vacation

    Not suitable for vacation

    Es gibt auf irgendeinem Streamingdienst eine Serie, die heißt „Not suitable for work“. Ich habe sie nicht angesehen, da der Fernsehkritik-Podcast meines Vertrauens es sehr mittelmäßig fand.

    Kurze Abschweifung: Übrigens, gar nicht mittelmäßig ist dieser Podcast! DAS KLEINE FERNSEHBALLETT. Bitte hört euch den Podcast an, im Zweifel Ultra werden und Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier dafür bezahlen, dass sie einem jede Woche diesen Podcast schenken. Man bekommt dann auch extra Content. Muss ich jetzt in diesem hochprofessionellen Blog erwähnen, dass ich zwar dicke, dicke Werbung für die beiden machen möchte, aber dafür kein Geld bekomme? Und die davon nix wissen? Also, ich bekomme kein Geld dafür, werbe aber trotzdem dafür, dass ihr ihnen Geld gebt, einfach weil ICH den Podcast so liebe und er eingestellt wird, wenn es nicht genug Menschen gibt, die das finanziell unterstützen. Es ist schnell, schlau, ADHSig, Sarah immer ein bisschen drübber und Stefan immer bemüht, sie wieder einzufangen. Großartig! Und selbst, wenn man die besprochenen Sachen nicht gesehen hat und nicht sehen will, die beiden sind großartig!

    Ich war auf Sarah Kuttners Lesung zu „Mama und Sam“, ihrem letzten Buch, und mein Gott, ist die schnell im Kopf! Unglaublich witzig und beeindruckend schnell. Und schlau.

    Also. Worauf wollte ich hinaus? Dass ich mich nicht für Urlaub eigne. Die gut unterrichteten Mäuse unter euch haben es ja mitbekommen: hier wurde einfach mal der Urlaub abgebrochen, bevor er richtig angefangen hatte. Wir kamen zeitig an, Flug, Taxifahrt alles gut und reibungslos gelaufen. Wir checken ein und laufen zum Bungalow. Am Pool vorbei. Ich war schon mehrmals in dieser Anlage im Urlaub. Immer mit vielen Kindern und einer männlichen Begleitperson. Diese Kinder haben dort teilweise sehr viel Zeit bei den angebotenen Freizeitaktivitäten verbracht und ich hatte endlich mal zwischendurch eine Pause. Keine Brotdosen, kein Einkaufen, Waschen, Kochen etc. für 5 Personen. Was für ein Himmelreich! Wer hört schon die wummernden Bespaßungsmusikbässe, wenn endlich mal 20 Minuten keiner MAAAAAMAAAA!!! ruft? Die Sonne schien, der Wind kühlte, am Strand kaum Menschen, keine Liegen, keine Schirme, nur ich und das Meer. Selbst am Pool habe ich den reinen Frieden empfunden. Der riesige Speisesaal mit all den Leuten- kein Problem, solange auch meine picky eater etwas zu essen gefunden haben.

    Mein letzter Aufenthalt dort war 7 Jahre, als ich am Samstag wieder einen Fuß in die Anlage gesetzt habe. Zwei meiner Kinder sind ausgezogen, das letzte hier wohnende ist auch längst kein Kind mehr. Wir sind eine FrauenWG mit Hunden. Wir gehen am Pool vorbei und es trifft mich wie ein Hammer: es ist laut und voll. Plötzlich scheint es mir gar nicht mehr wie ein Ort, an dem ich Frieden finde, sondern es ist ein lauter, voller Ort, an dem ich nicht sein will. Ich will nicht Liegen und Wasser mit so vielen Menschen teilen.

    Denn der letzte Aufenthalt ist nicht nur 7 Jahre her, sondern es liegen auch eine Menge Erkenntnisse und eine Diagnose zwischen mir damals und mir heute. Und ein Östrogenabfall, der irgendwie kompromissloser und willensstärker macht.

    Mein Stresslevel war damals zu Hause auf eine Art hoch, auf die es jetzt nicht mehr hoch ist. Der Stress ist jetzt ein anderer. Und diesem Art Stress lässt sich nicht in einem all-inclusive Hotel mit vielen Familien mit jeder Menge Kinder (0 bis 17) abhelfen .

    Mein Kind fühlte aus hier nicht näher genannten Gründen das gleiche und so haben wir beschlossen: wir fliegen heim. Und zwar sofort. Am nächsten Tag. Wir waren so glücklich nach dieser Entscheidung als hätten wir eine Woche erholsamsten Urlaubs hinter uns gebracht.

    Selbstwirksamkeit ist ein mächtiges Ding. Und zu entscheiden, wir brechen das hier ab, denn es soll schön sein und das ist es nicht, war großartig. Ein Teil von mir hat gezögert, alles abgespult im Kopf, was andere jetzt in dieser Situation zu mir sagen könnten. Und ich war mega gestresst. Bis ich mir gedacht habe: verdammt! Wann genau möchte ich das beenden, dass mich solche Dinge in meiner Freiheit und meinen Wünschen beschneiden? Denn die einzige Person, deren Meinung in dem Moment wichtig war, war mein Kind und das wollte auch NACH HAUSE. Also habe ich Flüge gebucht. Allein, dass es so spontan Rückflüge gab, war für mich ein Zeichen.

    Ja, beim spontanen Buchen habe ich dann vier statt zwei Gepäckstücke gebucht (natürlich gegen Geld), aber auch das habe ich weggeatmet. ADHS Steuer. Ich habe kurz überlegt, mich dafür mehrere Stunden zu schämen und schlecht zu fühlen, aber ich habe es gelassen. Schließlich hatte ich Urlaub.

    So bin ich zur Rezeption und habe ein Taxi für den nächsten Morgen geordert und schon mal ausgecheckt. Wir haben dann einen ganz ruhigen Abend verbracht, in Vorfreude auf den neuen Tag. Am nächsten Morgen kommt das Kind ins Bad und fragt: „Und? Fühlt sich die Entscheidung noch gut an?“ und ich habe nur gegrinst und gesagt: „Noch besser!“

    Und hier bin ich nun. Glücklich zu Hause. Und ich habe nur süße Antworten auf meine Mitteilung bekommen, jetzt wieder zu Hause zu sein. Danke liebe P an dieser Stelle, du warst soooo unfassbar mausig toll und auch A hat einfach sofort verstanden, warum ich wieder hier bin. Und ihr habt es nicht als „aufgeben“ gewertet, sondern eben als Selbstermächtigung.

    Die Hunde hingegen haben es wirklich gut angetroffen und so habe ich beschlossen, das Angebot unserer hinreißenden Hundesitterin anzunehmen, sie noch ein wenig dazulassen. Es ist ein schönes Gefühl, mal unabhängig von Gassizeiten zu planen, dennoch freue ich mich sehr darauf, wieder diese Struktur zu haben und so viel rauszukommen.

    Bitte? Hm? Da vor dem Fenster? Ja, das ist ein Hund. Nee, nee, nicht meiner, der von meinem Kind. Daycare, sozusagen, Hundetagesmutter mach ich heute.

    Die Dackelin, diese große Tragödin, hat es natürlich geschafft, die Hundesitterin und ihren Freund (ja, der, mit dem sie direkt in der Probenacht Löffelchen gelegen hat- wohlgemerkt als der große Löffel!) so zu beunruhigen, dass beide mit ihr im Notdienst in die Tierklinik gefahren sind. Sie hatte sich die Pfote vertreten und hernach ausgiebig winselnd eine ziemliche Dramolette aufgeführt, es wurde schlimmstes befürchtet, auch vom Arzt, um dann nach viel ärztlicher Aufmerksamkeit und einer Röntgenuntersuchung auf den eigenen Pfoten hinter dem Arzt her ins Behandlungszimmer zurückzudackeln. „And the Oscar goes to…“ Gut, in dem Fall wurde keine goldenen Statue verliehen, sondern der Tierklinik ein kleiner Goldbarren überwiesen, aber der Auftritt der Dackelin war es definitiv wert (immerhin gab es für das Geld eine Gegenleistung, was bei meinen zu viel gebuchten Gepäckstücken nicht der Fall war…).

    Also, ihr seht, ich eigne mich wirklich nicht richtig für Urlaub. Nicht für diesen und für ganz viele andere auch nicht. Ich freue mich mit allen anderen, die sich über ihre Urlaube freuen und diese genießen, aber ich bin so dankbar für meinen Aufstellpool und mein eigenes Bett, ihr macht euch keine Vorstellung!

    Aber wenn alle anderen Ferien haben und/ oder Urlaub machen, dann verlangsamt sich das Leben auch für mich. Und das genieße ich sehr. Danke für´s Urlaub machen!

  • Männer und ihre Songtexte

    Männer und ihre Songtexte

    Warnung: wenn jemand auf dem Annen May Kantereit Konzert am Freitag war und es gut fand: bitte jetzt nicht mehr weiterlesen, ich möchte euch den Abend nicht rückwirkend ruinieren. Es kommen auch andere Bands und Texte vor, aber da haue ich vielleicht nicht direkt auf noch frisches Glück.

    Ja, die Stimmung war gut und viele Leute waren sehr glücklich, da zu sein. A M K haben das geliefert, wofür das Publikum da war. Vielleicht alle, außer mir.

    Ich bin als Begleitung eingesprungen, weil die ursprüngliche Begleitung meiner Begleitung längerfristig außer Landes ist, was zum Zeitpunkt des Kartenkaufs noch nicht abzusehen war.

    Ich gebe ferner zu, dass dieser Tag stimmungsmäßig nicht mein bester war. Ich habe mich die vergangenen zwei Wochen gefühlt, als würde der Burnout nur darauf warten, dass ich Zeit für ihn habe und mit dem ersten Ferienwochenende ist er vorstellig geworden und teilte mir mit, wir beide hätten jetzt ein Date. Zum CSD in Mönchengladbach ist er auch direkt bereitwillig mitgekommen und hat sich, ein echter Ally, zurückgehalten und uns die Möglichkeit gegeben, uns wohl zu fühlen. Danach wurde er ein bißchen drängelig, aber so richtig Zweit hatte ich da auch nicht. Schließlich musste ich meine Hunde zur ersten Auswärtsübernachtung (ohne Frauchen) ihres Lebens bringen.

    Danach habe ich dann versucht, eine Pause zu machen. Hab eine Ibu eingeworfen und mich ins Bett gelegt, aber wer schon mal bei mir zu Hause war, weiß: netter Versuch.

    Also bin ich aufgestanden, habe mich angezogen für das Konzert und hab mich auf den Weg gemacht.

    Ich hatte in den Tagen vorher schon mal die Setlist durchgehört und habe festgestellt: es wird sich sehr viel bei Frauen entschuldigt. Pocahontas wird wissen, wofür, uns bleibt man konkrete Inhalte schuldig. Einer namenlosen Frau wird gedankt, dass sie mit so wenig zufrieden ist und trotzdem so präsent. „Und dann merk ich, es ist leicht/ weil dir so wenig reicht/ Du gibst mir Zeit“. Ich habe gekotzt, als ich das gelesen habe.

    Es wird gelobt, wie bescheiden sie sind bzw. es wird tatsächlich das Wort „demütig“ gebraucht in Katharina: „Du bist so wunderbar demütig/ Und deine Ruhe, die liebe ich“) und er versichert ihr: „…deine Wut/ Die ist Okay und manchmal gut“. Ich fasse es nicht! Wie großzügig!

    Naja, und ansonsten ziemlich viel dusseliges „wir sind zusammen und sitzen hier, früher, blabla, heute…“ Es ist so unfassbar egal. Jeder Schlager hat dagegen mehr Tiefe, Humor oder Ironie. Hier nimmt sich jemand sehr ironiefrei sehr ernst. Soll er. Aber ich bin nicht dabei.

    Als dann noch belehrt wurde in einem neuen noch unveröffentlichten Song, Bildschirmzeit sei verlorene Lebenszeit oder so ein Quark, war ich raus. Wo war ich denn da gelandet? Vor zwei Wochen haben an der Stelle Kraftklub gespielt und ich war on fire, da war Wut, Engagement, Liebe, (Selbst)Ironie, Humor, Kraft, Politik, es war laut, wholesome, und der/ die Texter*innen dieser Lieder waren sich durchaus darüber bewusst, dass nicht alles, was da gesungen wird, als gesundes Beziehungsmuster gilt. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Bzw. genau darum.

    Schauen wir doch mal noch auf ein paar andere Liedtexte. Ich hielt mal Hoobastanks „The Reason“ für ein gutes Liebeslied. Mittlerweile denke ich mir: wenn du dich einfach von Anfang nicht wie ein Hurensohn benommen hättest, müsstest jetzt hier nicht so rumheulen. Das Lied hat ein Freund des Bräutigams auf meiner zweiten Hochzeit gespielt. Dieses Lied ist wie eine 90er Jahre RomCom, in der richtig beschissenes männlich Verhalten als Gipfel der Romantik gilt und Mann und Frau sind am Ende ein Paar, womöglich, weil er sie dann großzügig erwählt, weil sie ihm immer alles verzeiht. Das ist noch schlimmer als die Variante, dass sie ihm am Ende eine Chance gibt, obwohl er ein Hurensohn ist.

    Wollen wir über Lewis Capaldi reden? in „Before you go“ fragt er , ob er irgendwas hätte tun oder sagen können „to make your heart beat better“. Ob er etwas hätte tun können, „to make it all stop hurting“. Er singt, dass es nie der richtige Zeitpunkt war, wenn sie anrief. Und Stück für Stück sei es verloren gegangen, bis nichts mehr da war. Ach, späte Reue, typisch. Das sind immer die, die von ihrer eigenen Scheidung überrascht werden, weil da ja vorher keine Anzeichen waren. Jedes Mal möchte ich soooo gerne die Frau dazu befragen, was sie vorher alles versucht hat. Und bei „Forget me“ packt mich immer die blanke Wut, weil es einfach so beschissen ist: er will sich lieber anhören, wie sehr sie ihn bereut, als dass sie ihn einfach vergisst. Er will lieber hören, wie sie „pray to God that you never met me“, als dass sie ihn vergisst. Er weiß, dass sie seinen Anblick nicht ertragen kann. Und dennoch will er das alles lieber vor Augen geführt bekommen, sie zwingen, ihn zu sehen, als sie in Frieden zu lassen. Ihr Abstand und Ruhe zu geben. „Well, I ´ll take the vitriol/ But not the thought of you moving on“. Dramatischer geht es nicht. Er sagt, ihr, dass sie ihn vergiftet, tötet, mit ihrer Verletztheit, ihrem Bedürfnis nach Abstand, aber in seiner toxischen Gedankenwelt ist diese Aufmerksamkeit immer noch besser als keine und die ist sie ihm schuldig, deswegen nimmt er sie sich einfach.

    „If you walk out on me, I ´m walking after you“ singen die Foo Fighters. „If you accept surrender/ Give up some more/ Weren ´t you adored?“ „I cannot be without you/ Matter of fact/ I ´m on your back“. Wenn du mich je verlässt, dann werde ich hinter dir sein, dich verfolgen. Ich kann nicht ohne dich sein, das ist eine Tatsache und der hast du dich zu fügen. Wurdest du nicht angebetet? Ich sage nichts dazu. Aber es klingt nach drohendem Femizid.

    Die Toten Hosen machen aus dieser Absicht in „Alles aus Liebe“ gar keinen Hehl. Und dieses Lied wird auf Hochzeiten gespielt als Liebeslied! Man kann es als kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Femizid betrachten, aber wenn es so gemeint sein sollte, dann sollte man die Zuhörer*innen auch darüber in Kenntnis setzen, denn sie scheinen es nicht verstanden zu haben.

    Während ich also auf dem Konzert innerlich berufsbedingt Textanalyse betrieben habe (wir haben mich ja Literaturwissenschaften, Sprachwissenschaften und Soziologie studieren lassen), war der Burnout der Meinung, jetzt sei aber wirklich genug mit der Hinhalterei. Mein Körper schmerzte, mein Hirn drehte sich und alles war zu laut. Die Tränen hätten es beinah ein paar mal geschafft. Die Atmung panisch. Ich habe es geschafft, ihn an der Hand zu nehmen und wir sind dann auf´s Klo und Pommes essen gegangen.

    Auf dem Klo konnte ich hören, wie eine junge Frau telefonierte und sagte: „… nee, ich bin schon auf dem Konzert. hmmm. Hab schon so viel geheult! … Hier ist einfach kein Klopapier! Was für´ne Scheissstadt! Fick dich, Gladbach.“

    Mit der Pommes in der Hand auf der Suche nach einem Sitzplätzchen fiel mein Blick auf eine Maus, die da saß und weinte. Eine andere Frau kam und legte Hand an Schulter, ging dann weiter. Wenig später kamen zwei andere Frauen, scheinbar Freundinnen, denn die Tränen waren getrocknet und man schmiedete Pläne.

    Der quengelige Burnout hat es dann noch mit einer Panikattacke versucht, ich habe mich echt erpresst gefühlt, aber die konnten wir niederatmen. Zurück auf der Fläche bei der Begleitung, deren Begleitung ich ja eigentlich war, haben wir dann beschlossen, dass es nun auch genug sei und kalt und wir sind gegangen, die Begleitung, der Burnout und ich.

    Statt zu weinen haben wir lautstark weiter Textexegese betrieben, der Burnout und ich, nur zaghaft haben wir die abgewendete Panikattacke erwähnt und uns ereifert über so viel belangloses Blahblah mit wenn schon nicht Pauken, dann immerhin Trompeten.

    Jetzt sitzen wir hier, der Burnout und ich, die Dackelin auf dem Praktikantinnensessel, auf dem sie immer schläft, wenn sie und ich Büroarbeiten machen, der Burnout und ich trinken Kaffee und essen die Nussecke, die das Kind netterweise mitgebracht hat.

    Wie gesagt, sie haben auswärts übernachtet, die Mäuse und die Dackelin hat wieder ihren „I ´ll steal your boyfriend“ move angewandt und vorher gezogene Grenzen mit Leichtigkeit ausgehebelt. So eine Charmeurin!

    Ich frage mich, ob ich auch den Burnout nicht einfach auswärts übernachten lassen könnte? Vielleicht kann ich ihn austricksen und ihn mit in den Urlaub nehmen und dort „vergessen“? Echt? Ihr meint, die kennen den Trick? Vielleicht können wir uns auch einfach ein bißchen anfreunden und das Beste aus der gemeinsamen Zeit machen.

    Auf jeden Fall gucken wir gleich irgendwann „22 Bahnen“ zu Ende. Ein schönes Buch und ein schöner Film.

    Und hören Musik. „´Til we die`“ von Slipknot, damit fangen wir an, laut wäre heute gut. Und Vita: Mein Fehler.

  • Dellen

    Dellen

    Dosen mit Dellen kaufe ich nicht. Meine Mutter warnte immer, vielleicht hat mich Anfang der Zweitausender auch Öko Test gewarnt, dass man die besser nicht kauft. Keine Ahnung. Ohne also zu wissen, warum, befühle ich beim Einkaufen jede Konservendose, ob ihre Außenseite glatt und dellenlos ist.

    Mein Auto hat seit einem Stelldichein mit einer schlumpfblauen Säule im Parkhaus vielleicht keine richtige Delle, aber auf jeden Fall blaue Flecken, naja, Striemen könnte man auch sagen. Diese betonen auf jeden Fall die natürliche Form dieses Autos dergestalt, dass es aussieht als habe es an der Stelle eine Delle.

    Heute Morgen fiel mein Blick mit Brille auf mein Ganzkörperspiegelbild. Oftmals sehe ich mich nur ohne Brille im Spiegel, im Bad z.B., wenn man aus der Badewanne steigt, dann sieht man auf einmal ziemlich viel von sich. Aber so ohne Brille und mit einer Menge Hornhautverkrümmung sieht man dann glatt und schlank (Astigmatismus bedeutet Stabsehen, das streckt ungemein) aus. Heute Morgen huschte ich nun in temperaturangemessener Kleidungsmenge (Unterhose und T-Shirt) an einem Spiegel vorbei. Und erhaschte einen Blick auf meinen, ja, ich muss es sagen, Hintern. Ich stoppte und schaute nochmal genau hin. Ich glaube, ich kann mich nicht erinnern, meinen Hintern jemals aktiv angeschaut zu haben und dabei nicht festzustellen: er hat Dellen. Mit 15 habe ich es deshalb vermieden, ihn anzuschauen. In jedem anderen Alter im Grunde auch. Und alle Unterwäsche und Badekleidung sollte ihn möglichst so verpacken, dass niemand denkt, ich würde mir anmaßen, diesen Anblick absichtlich zur Schau zu stellen. Aber heute Morgen habe ich gemerkt: es hat sich etwas grundlegend verändert.

    Die Seiten, auf denen ich Unterwäsche bestelle, haben verschiedenste Körperformen in ihre Schlüpper und BHs gesteckt. Groß, klein, alt, jung, faltig, glatt, dellig- und je öfter ich das sehe, desto besser finde ich meinen eigenen Körper. Er ist einfach ganz normal. Weil ich nicht mehr nur am Strand sehe, wie normal andere aussehen, sondern auch in der Welt des schönen Scheins. Meine neue Unterwäsche sieht an der Frau auf der Seite im Internet genau so aus wie an mir vor meinem Spiegel zu Hause. Und ich habe das bestellt, weil es auch an diesem nicht gefotoshopten Körper schön aussah. Und als ich eben mein Spiegelbild erhascht habe und mein Hintern mir in seiner ganzen Normalität gezeigt wurde, dachte ich nicht: na, den kannste ja keinem zumuten!, sondern ich war zufrieden. Versöhnt. Es war mir nichts peinlich.

    Es ist ein wunderbarer Weg, Menschen klein zu halten und sie geradezu zu kontrollieren, wenn man ihnen beständig das Gefühl gibt, etwas an ihnen entspricht nicht der Norm. Ihr Lachen nicht, ihr Gewicht, ihre Nase, ihre Art zu denken, ihre Schüchternheit, ihr Selbstbewusstsein, die Kleidung, die Haarfarbe- und wenn dann die Norm in kleinen Nuancen immer wieder verändert wird, hält man ziemlich viele Menschen ziemlich beschäftigt, denn dazuzugehören ist ein menschliches Grundbedürfnis. Selbst die, die behaupten, ihnen sei die Meinung anderer vollkommen egal, haben Menschen, zu denen sie gehören wollen. Von denen sie anerkannt werden wollen, gemocht oder geliebt.

    Mein Tattoo vom letzten Jahr hat mich ja quasi gezwungen, mir wieder Bikinis zu kaufen. Und ich habe gemerkt, dass es mir immer egaler wurde, wie viel Stoff das Unterteil mitbringt. Es gab eine Zeit, das gab es sehr viel diese 40er, 50er Jahre Unterteile mit tiefem Beinausschnitt und hoch am Bauch. Fand ich toll, da war alles gut verpackt und versteckt. Dieser Bauch hat schließlich drei Kinder beherbergt, alle am Ende um die 3,5 kg und mit reichlich Fruchtwasser. Das sieht man. Dieser Bauch runzelt und faltet, je nachdem, wie ich mich bewege. Und wisst ihr was? Drauf geschissen!

    Ich habe überhaupt keine Lust mehr, sehnsüchtig auf die schönen Bikinis zu gucken, um mir dann einen doofen Badeanzug zu kaufen oder einen Bikini, der versteckt, was nun mal da ist. Es ist mir egal. Die Menschen im Urlaub- ja, ich fahre in den Urlaub!- müssen da durch. Hier wird jetzt mit Selbstbewusstsein jede Delle und jede Runzel zur Schau gestellt. Ich will die schönen Bikinis tragen!

    Denn, das ist immer meine Gegenprobe, werde ich wirklich am Ende meines Lebens denken: hätt´ ich mal lieber den Badeanzug von Lascana weitergetragen statt des Bikinis von Victoria ´s Secret? Ich glaube nicht. Hier wird jetzt dick aufgetragen.

    Aber, kennt ihr das auch? Wenn ihr etwas macht, also den Mut fasst, etwas zu machen, dass dann andere um die Ecke kommen und das doof finden, nicht weil es doof IST, sondern weil sie sich das nicht trauen? Dass man darüber nachdenkt: ich will das heute gerne anziehen, aber wenn ich das zu der Verabredung anziehe, dann wird er/ sie sich schlecht fühlen/ mir einen Kommentar drücken/ immer auf diesem oder jenem Kleidungsstück rumhacken? Dass du auf diesen Schuhen laufen kannst! Dass du dich das traust! DU kannst das ja tragen, aber ich… Ich hab ja gar keine Zeit dafür. Ja, du hast ja… setzt ein, was ihr wollt. Tolle Haare, stabile Nägel, Normgewicht, was weiß denn ich. Das nervt. Denn man hat das doch nicht extra, um andere zu nerven. Ich habe eine Freundin, die hat einen umwerfenden Charme. Zudem ist sie wahnsinnig klar, freundlich, intelligent und fleißig. Und erfolgreich. Was die sich zum Teil anhören darf! Als würde sie unlautere Mittel nutzen. Dabei steht es doch jedem frei, ein freundlicher Mensch zu sein. Sich fortzubilden. Fleißig zu sein. Aktiv am Leben teilzunehmen. Aber es gibt Menschen, die so unsicher mit sich selbst sind, dass sie das tatsächlich provoziert.

    Und auch wenn ich Mitgefühl habe für Menschen, die mit sich zu kämpfen haben, so habe ich kein Verständnis dafür, dass sie anderen neiden, wo diese erfolgreich sind oder selbstbewusst. Denn auch diese Menschen haben doch ihre Sorgen, Nöte, Krankheiten, bei sich oder Angehörigen, irgendwelche „Defizite“. Aber man kann doch nicht verlangen, dass andere sich klein machen, damit man sich selber nicht so klein fühlt!

    Und nun lautet der Appell: lasst die anderen einfach mal in Ruhe. Du musst niemanden als „fett“ bezeichnen. Weder andere noch- und hier wird es ganz wichtig!- dich selbst. Hier wird keine Bodypositivity gepredigt, hier wird offensive Lebensfreude gefordert! Macht es euch doch einfach da, wo es möglich ist, mal so richtig leicht. Und schön. Findet man nicht die stylishen alten, runzligen, weißhaarigen Frauen auf instagram allesamt unglaublich cool? Weil die scheinbar keinen Fick geben auf die Meinung der anderen? Ja, dann lass doch heute damit anfangen, so eine zu werden! Am Ende deines Lebens denkst du nicht, warum hab ich damals…?, sondern nur: Warum hab ich damals NICHT????

    So, und jetzt raus mit euch, geht spielen! Macht mal eine Runde Hopfserlauf als würde keiner gucken!

  • Die Neunziger

    Ich habe eine Serie angefangen, in der es um die Vogue in den 90ern geht. Ich brauchte etwas Neues, was auf keinen Fall mein Hirn anstrengt und so wurde es das. I was on fire! Mode und Musik- mein ein und alles in den 90ern!

    Es sind im Moment viele Dokus zu sehen, in denen es irgendwie um die 90er geht. Fußballdokus, Musikdokus, Modedokus, was weiß denn ich. Und es ist jedes Mal wieder eine Überraschung für mich, was das mit mir macht. Wie sehr mich Bilder und Lieder aus der Zeit packen, berühren, erinnern, selbst Dinge, die mich nicht interessiert haben wie zum Beispiel Fußball, haben ja dennoch die Zeit, den Zeitgeschmack und mich geprägt. Ich war vollkommen überrascht, wie viel mir in der Doku „Beckham“ bekannt vorkam. Ich dachte, ich hätte mich wirklich null für Take That interessiert und dennoch hatte auch Robbie Williams´ Doku eine Menge Bilder und Momente für mich parat, die Erinnerungen weckten. Pamela Anderson genauso. Kylie Minogue. Zuletzt habe ich die Fußballldoku „1994“ gesehen (und irgendwie schon damit gerechnet, dass es 32 Jahre später ähnlich enden würde für die Männernationalmannschaft in Amerika) und nichts hat mich mit 17 weniger interessiert als das- und dennoch erzählen Kleidung, Entwicklung, Äußerungen von damals und heute eine Menge über die Zeit.

    Was mich am meisten fertig macht, ist, wie mit Frauen umgegangen wurde in der Zeit und wie vertraut mir das ist. Mit jungen Frauen vor allem, aber im Grunde Frauen allgemein. Die 94er WM wurde ja im Grunde nur wegen der Ehefrauen und Partnerinnen der Spieler verloren, weil die so fordernd und ablenkend waren. Ja, und weil Berti Vogts eben Berti Vogts war. Beckenbauer und Bild haben wirklich alles gegeben, um diesen Mann fertig zu machen. Von der Bild erwartet man ja tatsächlich auch nichts anderes, aber das der Kaiser Franz Beckenbauer das nötig hatte- ich kann es nicht verstehen. Nicht, weil ich ihn für so einen integren Mann halte, Gott bewahre!, sondern weil ich annahm, peinlich berührt herunterzublicken auf diesen unwürdigen Nachfolger reicht, ich wusste nicht, dass man da in Kauf nimmt, sich die Stollen schmutzig zu machen beim Nach-unten-treten, nur um sicher zu gehen, dass es auch ALLE mitbekommen, dass der Nachfolger eine Witzfigur in den Augen des Kaisers ist. Ich fand, es war schwer auszuhalten, was da passiert ist.

    Kurz OFF TOPIC. Ich lese gerade „Noch wach?“ von Benjamin von Stuckrad-Barre und da ist mir der Fall Kasia Lenhardt wiederbegegnet und im Podcast „Doppelmaushälfte“ (sehr empfehlenswert, Barbie Breakout und Simon Dömer sind einfach hinreißend und in der Pride Season möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass sich die Stimmung im Land gerade massiv ändert, was queere Menschen angeht. Wo pink washing (bitte googelt es einfach kurz, ich kann nicht den dritten Nebenstrang hier aufmachen) vor ein paar Jahren noch ein Must-Do für die großen Konzerne war, lässt man es jetzt lieber weg, man will ja keine Kund*innen verschrecken.) Also. Kasia Lenhardt. Es ist nicht an mir vorübergegangen, aber ich habe damals- als absolute Bildverweigererin!- nur am Rande mitbekommen, was da passiert ist. Bzw. nicht was da passiert ist, sondern sagen wir mal: wie. Fakt ist: die junge Frau hat sich am Ende das Leben genommen. Und ein bekannter Fußballer und eine große Boulevardzeitung spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Und ich muss jetzt mal einen Recherche Deep Dive machen. Simon Dömer hat den Spiegel Podcast dazu gehört, aber er meinte, es sei kaum auszuhalten.

    Worauf ich aber ursprünglich mal hinaus wollte: die Neunziger. Jedes Jahrzehnt hat seine prägenden Momente. In allen Lebensbereichen. Aber findet ihr nicht auch, dass da so ein Geist herrschte von Freiheit, Zukunftsvorfreude und absolutem Hedonismus? Und zwar auch, aber eben nicht nur in der negativen Konnotation? Mein Gefühl war, dass Ungerechtigkeiten überwunden werden würden in den nächsten Jahren, meinetwegen Jahrzehnten, aber das Dinge wirklich BESSER werden würden. Für alle Menschen. Ich bin auch damals nicht so naiv gewesen, wie das klingt. Ich hatte viel Kritik am bestehenden Zustand der Welt. Aber ich dachte dennoch, da sei doch was zu retten. Mauern fielen, Feinde sprachen miteinander über Frieden! Aufklärung und Akzeptanz schritten für mich voran. Rückschritte waren nur dazu da, es noch mehr zu wollen. Quasi nochmal Anlauf zu nehmen. So sehe ich mein Weltbild aus der Sicht von heute. So war mein Gefühl, auch wenn ich es nicht so formuliert hätte damals. Ich fand vieles scheiße und reaktionär. Aber das konnte man ja anders machen! Little did I know.

    Ich möchte meinem 16 bis 19 jährigen Ich eigentlich lieber nicht sagen, wie die Welt jetzt aussieht. Gut, dass ich gar keine Möglichkeit dazu habe! Was würde es wohl mit dieser Jugendlichen machen, zu wissen, wie die Welt sich gerade anfühlt? Die große und die kleine. Die, die ich ihr bei einer Zeitreise zeigen würde. Ich glaube, sie würde meine/ unsere/ ihre Kinder bestaunen. Die würden ihr gefallen. Aber was würde sie über den Rest sagen? Wäre sie sauer auf mich, welche Entscheidungen ich getroffen habe? Würden sie die Probleme, die vor ihr liegen, abschrecken? Oder würde sie sagen: ich sehe, wir haben es bis hier hin geschafft! Trotzdem.

    Sie würde die Tätowierungen mögen. Ganz lange haben wir die für uns abgelehnt. Und uns am Anfang sehr dafür geschämt, damals nach dem Stechen. Das war was für Asis, so sah das unsere Familie. Und wir fanden uns niemals cool genug, um mit den Tätowierten mitzuspielen, wohlwissend, dass es genügend uncoole Leute mit Tattoos gibt. Aber mit denen wollten wir ja auch nicht in einer Liga spielen.

    Wie sie wohl die Hunde fände? Wir haben uns diesen Kindheitstraum erfüllt! Und was würde sie dazu sagen, dass wir jetzt zweimal in der Woche im Stall rumhängen? Bei PFERDEN? Ich glaube, das könnte ich ihr erklären und sie würde es verstehen.

    Sie wäre stolz auf mich, wegen der zwei Scheidungen. Sie wusste immer, dass wir keine für „bis der Tod euch scheidet“ sind. Sie konnte sich nicht vorstellen, mit wem man das durchhalten sollte. Dennoch hat sie immer ein bisschen gehofft, diesen Menschen, naja, Mann, zu finden. Aber ich sag mal so: wir haben die Suche falsch angepackt. Und vielleicht zu viele RomComs mit sehr schlechten Vorbildern konsumiert!

    Das war immer ihr Horror. Sich in einer Ehe zu Tode zu langweilen. Allerdings weiß ich nicht, ob sie es so gut finden würde, dass wir uns 13 Jahre lang in der von Anfang an falschen Beziehung befunden haben. Das könnte sie wütend machen oder sehr verschrecken. Sie würde uns nicht wiedererkennen. Gut, dass ich ihr auch das nicht beichten muss!

    Ich fühle mich dieser Version Teenagerversion von mir näher, als der 28jährigen oder der 38jährigen. Ich weiß gar nicht genau, wer ich da war. Wenn ich Fotos sehe, dann sehe ich mich, aber ich habe keine Ahnung, wer ich damals war. Eine Frau mit zwei, später drei Kindern. Ich glaube, ich hatte nicht einen Wunsch, nicht einen Traum. Auch wenn ich heute immer noch darum kämpfe, wieder mein eigener Mensch zu sein, aus Gründen, so bin ich doch wieder mehr ich als ich es in all den Jahren davor war.

    Mein Lebensratgeberportal Instagram bestätigt mir dieses Gefühl. Viele Frauen in meinem Alter schreiben das: die Perimenopause lässt dich wieder zu deinem Teenager-Ich werden. Nur cooler.

    Neulich habe ich eine kurze Hose aus dem Schrank geholt, die habe ich seit ich 15 bin. Meine Mutter war damals entsetzt! Viiiel zu kurz! Die durfte ich nicht anziehen. Ich sag mal so: das firmierte damals unter Hotpants, aber heutige Hotpants lächeln da nur müde. Ich habe mich mit dieser Hose vollkommen angezogen gefühlt mit meinen fast 50jährigen Beinen. Und das bisschen Punk und Goth, das in mir schlummert, feiert die Hose immer noch!

    So, Freunde. Jetzt ruft mein Leben 2026. Grüße an 1994, unsere jüngste Tochter spielt auf Autofahrten ab und zu ausgerechnet Scooter. Hyper, hyper, kann man da nur sagen! Da hast du nicht mit gerechnet und auch nicht mit rechnen wollen, richtig?

  • No alarms and no surprises

    No alarms and no surprises

    Als ich das erste Mal bei diesem Radiohead Lied auf den Text im Refrain geachtet habe, stand ich in einer wirklich anstrengenden Lebensphase in der Dämmerung an der Straße mit Blick auf „such a pretty house“, mein hübsches Haus, und ich dachte nur: ja, bitte, keine alarms und keine surprises mehr!

    Ich habe mich nicht gefangen gefühlt in einem modernen, inhaltsleeren, von Routinen durchwirkten Leben, so wie es in dem Lied zum Ausdruck kommt, sondern in einem, das nur noch aus Alarmzuständen bestand. Nie Ruhe, kein Moment der Sicherheit. Immer in Bereitschaft.

    Ich habe in den letzten Jahren viel, sehr viel gelernt über Zustände, Nervensysteme und rote Bereiche. Warum man einen Burnout bekommen kann, wo doch von außen betrachtet nichts übermäßig schlimmes passiert, die Arbeitsbelastung schaffbar scheint und warum ein neurodivergenter Burnout etwas anderes ist als das, was ich bis dahin als Burnout kannte. Ich habe viele Dinge verstanden, die ich vorher nicht begriffen habe. Ich habe Antworten gesucht auf sooooo viele Fragen. Damit ich die passenden Hilfen suchen konnte für Menschen, die mir am Herzen liegen. Und irgendwann habe ich verstanden: das alles ist ja nicht nur ein Problem der anderen und ich will helfen. Sondern auch ich habe dadurch Probleme. Das, was ich fühle ist real. Es gibt Studien dazu. Untersuchungen, wie die Nervensysteme von Menschen wie mir sind. Da ist immer, durchgängig Alarmbereitschaft. Ohne Pause. Im Schlaf, am Wochenende, beim Treffen mit Freund*innen, immer. Ich scanne permanent den Raum, die Stimmung, Blicke, Nachrichten, Stimmlagen. Und wenn jetzt einer sagt: ja, da musst du dich entspannen, meditieren, Grenzen ziehen, dir Zeit für dich nehmen, dann raste ich aus! Das verkennt meine Lebenswirklichkeit und die vieler anderer Eltern, Partner*innen und Kinder von Menschen, die psychische Probleme haben.

    Es gibt eine Anekdote aus meiner Kindheit und mir ist das nie so aufgefallen, aber jemand anders hat irgendwann mal zu mir gesagt: „Das ist nicht so lustig, wie es klingt. Du hast mit drei schon die Verantwortung für deine Mutter übernommen.“

    Meine Mutter hat sehr viel Verantwortung für mich übernommen, so ist das nicht. Es war für alles gesorgt, sie hat sich gekümmert, zugehört, es gab Regeln, aber sie war auch immer bereit, sich guten Argumenten zu beugen. Sie war lustig, geduldig- bis sie es nicht mehr war, weil auch die Geduldigste mal an ihre Grenzen kommt- manchmal regelrecht unkonventionell, sehr klug, redegewandt und manchmal richtig badass. Aber eben jemand, die auch vieles mit sich herumgetragen hat. Ich weiß nicht, ob meine Mutter jemals wirklich gerne gelebt hat.

    Ich spreche in der Vergangenheit von ihr, das ist eigentlich nicht richtig. Meine Mutter lebt. Aber ganz viel von dem, was und wie sie war, geht verloren. Ist verloren. Wenn ich nicht vor ihr stehe, hat sie schon an vielen Tagen vergessen, wer ich bin. Wenn sie mich sieht und wir uns umarmen, dann ist alles wieder da. Dann kommen ihr die Tränen. Ich glaube, sie fühlt sich sicher bei mir. Nein, ich weiß, dass sie das tut.

    Ich müsste öfter bei ihr sein. Für sie. Für meinen Vater. Aber ich kann nicht. Es müssen immer ein paar Tage, ein, zwei Wochen dazwischen liegen. Dafür gibt es viele Gründe. Ich kann sie nicht alle aufzählen, auch dafür gibt es viele Gründe.

    Vor ein paar Monaten war ich bei ihr. Sie lag noch im Bett, stand dann auf, brauchte etwas Hilfe. Sie saß am Bettrand. Auf einmal nimmt sie mein Gesicht in ihre Hände, schaut mich an und sagt, irgendwie staunend:

    „Bist du schön!“

    Sowas hatte sie bis dahin erst einmal zu mir gesagt, ein paar Wochen zuvor, da lag sie im Krankenhaus. Da habe ich noch gedacht: sie ist noch sehr verwirrt. Einfach, weil meine Mutter solche Komplimente nie gemacht hat. Ich weiß, dass meine Mutter findet, dass ich grundsätzlich eine attraktive Frau bin. Aber “Komplimente“ gingen früher immer so: etwas stand mir gut, hieß: nicht zu extravagant, nicht zu „schlumpfig“, die Haare hatten die richtige Länge, meine Figur/ Gewicht war im erwünschten Bereich, nicht zu dünn, nicht zu „mollig“, usw. War ich zu chic hieß es: „Ach, du bist so schick und ich sehe so aus!“ Hatte ich etwas zu „weibliches“ an, hieß es, in einem ganz bestimmten Tonfall: „Rasant!“ Am schlimmsten war, wenn sie fand, dass ich in etwas „NETT“ aussah. Das war ihr größtes Kompliment. Nett. Harmlos, nicht bedrohlich, nicht sexy, nicht auffällig, in der Norm. Ihrer Norm.

    In meiner ersten Schwangerschaft durfte ich nach 15 Wochen des Liegenmüssens endlich wieder aufstehen. Da ich noch nicht wieder Autofahren durfte, hat sie mich zum Arzt gefahren. Danach waren wir kurz in der Stadt um etwas zu essen, danach gingen wir direkt zum Auto. Ich wollte gerne noch in der Stadt bleiben, aber meine Mutter bestand darauf zu gehen, weil mein enormer Bauch dafür sorgte, dass T-Shirt und Rock nicht zu 100% miteinander abschlossen. Man sah etwas nackte Haut. Das war ihr so peinlich, dass sie nicht nach meiner resurrection, meiner wortwörtlichen Auferstehung mit mir in die Stadt gehen wollte. Fast vier Monate hatte ich nur meine Wohnung, das Krankenhaus und das Haus meiner Eltern gesehen. Es war ein warmer, sonniger Septembertag. Das war 2000, ihr wisst, wo damals die Hosen von Jeanette Biedermann saßen!

    Immer gab es etwas anzumerken zu dem, was ich tat. Immer eine Sorge, ein Bedenken, einen Kommentar.

    Meine Tochter hat mir irgendwann mal auf einen wirklich saublöden Kommentar von mir zu ihrem Oberteil gesagt, dass das scheisse ist und begründet warum. Und ab diesem Tag habe ich hart an mir gearbeitet, meinen Töchtern keine Kommentare oder Verbesserungsvorschläge mehr mitzugeben. Werde ich explizit gefragt, gebe ich eine Antwort. Sonst sage ich ihnen gerne und freimütig: Wie hübsch du bist! Du siehst toll aus! Lobe Kleidungsstücke, Kombinationen, feiere, was sie für großartige Wesen sind, aber werte nicht, vergleiche nicht, sage nicht, das steht dir nicht, warum bist du nicht geschminkt?, warum bist du so doll geschminkt?, blau steht dir besser,… nein. Einfach nur: du bist toll. Ich will keinen Einfluss auf ihren persönlichen Stil nehmen. Sie sollen nicht mich mitdenken, wenn sie vor dem Kleiderschrank stehen, sie denken schon genug nach über solche Dinge.

    Und das hat einen Einfluss auf unser Verhältnis. Erst mal sorgt es für Sicherheit und Wertschätzung. Und außerdem profitiere ich total davon. Denn diese beiden jungen Frauen haben sehr unterschiedliche Stile und Geschmäcker. Und beide haben mir neue Sichtweisen eröffnet. Mich inspiriert zu Sachen, mir Mut gegeben, meine alten, erlernten Muster abzulegen. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar.

    Meine Mutter hat versucht, mir zu vermitteln, dass es egal ist, was andere denken. Das habe ich geglaubt. Ich habe es weiß Gott nicht immer gefühlt, aber ich habe geglaubt, dass das das Ziel ist. Bis ich gemerkt habe: sie meint das gar nicht so. Sie hat nicht zu ihrem Stil stehen können, wenn andere einen anderen, auffälligeren hatten. Wusste, der würde niemals zu ihr passen, aber fühlte sich unterlegen und kritisiert für ihren Stil. Ich bin mir sicher, dass die betreffende Person so nie gedacht hat. Sie ist bis heute eine Platzhirschin, sie will gar nicht, dass andere sich auch so kleiden, da bin ich mir sicher. Wochenlang wurde vor Einladungen oder Kurztrips mit diesen Freunden rumgejammert, man habe nichts zum Anziehen, man sei ja nicht genug, würde verurteilt. Und selbst WENN! Dann sagt das doch mehr über die anderen, als über dich, Mama!!!

    Wenn es mir wirklich egal war, was die anderen denken, war sie zur Stelle, um mir klar zu machen: du musst schon Rücksicht auf die anderen nehmen, vor allen Dingen sollte ich Rücksicht auf sie nehmen. Wie oft habe ich meinen Töchtern andere Kleidung angezogen, bevor es zu meiner Mutter ging, damit sie nichts zu meckern hat. Wie lange habe ich überlegt, was ich anziehe, um einen Kommentar zu vermeiden!

    “Bist du schön!“ Mit 49 das erste Mal. Manche werde das wohl nie von ihren Müttern hören, fürchte ich. Man war für diese Generation und die davor und die davor etc. nie genug. Was sollen die Leute sagen?

    Wie bin ich hier hingeraten?

    Ich wollte sagen: ich bin damit aufgewachsen, dass mein Verhalten als direkter Einflussfaktor auf das Wohlbefinden einer anderen Person galt. Bis hin zu meiner Kleidung. 1990 und 91 war der Tag meiner Mutter morgens versaut, wenn ich zu viel Haarspray benutzt hatte. Wenn ich Liebeskummer hatte, wollte meine Mutter, dass das aufhörte. Freundinnen nutzten mich nur aus, da wurden morgens schon mal Schranktüren geschmissen, weil man ja die ganze Nacht vor Wut nicht schlafen konnte deswegen, wenn ich mich abnabelte oder abgrenzte, war ich schwierig und die ganze Familie wurde in Aufruhr versetzt. Das ging so bis ich 33 war.

    Ich habe gelernt, meine Gefühle bis zur Unkenntlichkeit runterzuregulieren, habe gelernt, aufmerksam zu sein. I can read a room! Ich kann jeden Raum lesen, nicht nur, weil neurodivergente Menschen das oft sehr gut können, sondern weil ich das gelernt habe. Von klein auf. Und genauso, wie ich meine Mutter beobachtet habe, hat sie mich beobachtet. Uns entging nichts. Nur die Schlüsse, die sie daraus gezogen hat, waren nicht richtig. Auch wenn sie das stets behauptet hat. Ich weiß, wie es dir geht.

    So ist hier also jemand, die an all das so sehr gewöhnt ist, dass sie das nicht einfach so ablegen kann. Und auch wenn ich weiß: ich bin nicht für die Stimmung anderer verantwortlich (es sei denn, ich habe aktiv etwas getan, was das verursacht hat, aber darüber reden wir nicht), fühle ich mich verantwortlich. Ich werde gebraucht.

    Neurodivergenz ist neben vielem anderen eine Gefühlsregulierungsstörung. Es wird zu viel, zu ungefiltert wahrgenommen, die dadurch hervorgerufenen Gefühle sind so groß und so viel, dass viele damit alleine überfordert sind. Es erfordert Skills, Training, Wissen, Erfahrung und Unterstützung, das hinzubekommen. Womöglich Medikamente, wenn es passende gibt. Und Menschen, die co-regulieren. Neurodivergenz ist hochvererblich. Stärker als braune Augen.

    Und so hat man als neurodivergenter Mensch womöglich auch neurodivergente Kinder. Und muss nicht nur sich, sondern auch die Kinder und die Eltern regulieren. Und manchmal alle gleichzeitig. In einer Gesellschaft, in der das Bewusstsein für diese Dinge nur langsam wächst. Und es immer wieder als Trenddiagnose abgetan wird.

    Und so wünscht man sich manchmal einfach nur: no alarms and no surprises.