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Autor: admin

  • Ruhe, bitte!

    Ruhe, bitte!

    Warnung: ich habe diesen Eintrag Korrektur gelesen, aber vielleicht nicht all zu konzentriert. Verzeiht bitte falsche Satzanschlüsse und Rechtschreibfehler!

    Ich hatte einen Beitrag angefangen und dann kam das Leben dazwischen. Ich habe sehr viel Leben, das immer sehr viel dazwischen kommt. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass das Leben mal ein paar Stunden Pause macht.

    Neurodivergente Menschen brauchen zum Auftanken nicht Schlaf, sondern Ruhe. Das ist etwas anderes und für viele von uns auch nicht einfach zu erlangen. Selbst Menschen, die nicht sind wie wir, finden schwer Ruhe, können schlecht abschalten. Es ist vielleicht ein generelles Problem. Aber da ich nun mal ein sehr lustiges Gehirn habe, gehe ich von mir aus und nicht von anderen.

    Ich erhole mich, wenn ich in Ruhe, in meinem Tempo meine Dinge machen kann. Ich kann extrem effektiv arbeiten, wenn man mich lässt. Manchmal leide ich an den ADHS typischen Paralysen und ich kriege nichts geschissen. Dann hilft Medikinet. Ich war heute richtig gut, sogar ohne Medikamente. Ich habe Dinge gemacht, wie eine Erwachsene. Ich habe gefrühstückt und zwar etwas vernünftiges. Ich habe Wohnzimmer und Küche aufgeräumt, den Hof gefegt und die Haufen IN DIE TONNE GESCHAUFELT, habe Wäsche gemacht und bei all dem nichts gestümpert, sondern alle Schritte gemacht. Ich habe die Wäsche sogar in den Schrank gelegt. Sogar die Handtücher, die seit fast drei Wochen gefaltet neben dem Trockner im Wäschekorb lagerten. Einfach eine Macherin! Wahnsinn! Unglaublich, dass es Menschen gibt, die das einfach jeden Tag so machen können. Mal mit mehr, mal mit weniger Schwung, aber einfach machen können.

    Wenn ich mir meinen Garten und andere Bereiche meines Lebensraums so anschaue, dann frage ich mich: was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Viel kann es nicht sein, denn irgendwie müssten dann viele Dinge besser laufen. Ordentlicher. Erwachsener. Ich habe immer das Gefühl, mein Leben befindet sich permanent im Ausnahmezustand. Entweder gibt es aktiv etwas zu managen oder ich bin völlig erschöpft von dem, was es wieder zu managen galt. Und ich bekomme kein Geld dafür. Ich wäre so eine geile Assistentin oder Troubleshooterin! Ich könnte damit Höchstgehälter verdienen. Aber hier fühlt es sich einfach nur erschöpfend an. Ich bin Sisyphos, der den scheiss Stein ununterbrochen den beschissenen Berg hoch rollt. Und gleichzeitig bin ich Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Neuerdings mit einem zusätzlichen Feature: Hitzewallungen. Kurz, aber heftig heizt mich immer mal wieder zwischendurch der innere Heizpilz von 36,5 Grad auf mindestens 90 auf. Ich habe jetzt kein inneres Leuchten mehr, es ist ein inneres Glühen. Wie im Stahlwerk.

    Selbstmitleid? Ja, von mir aus, nur zu, könnt ihr gerne so nennen. Ist mir egal. Ich möchte mir gerade einfach mal leid tun. Es ist alles zu viel. Eigentlich war mein Plan, jetzt im Urlaub zu sein. Rumliegen, lesen, Rätselheft bearbeiten, wie so eine Omma. So sehr ich mich freue, wieder zu Hause zu sein, so sehr wünschte ich, mich doch auf einer Insel verstecken zu können. Oder auch bei mir zu Hause.

    Ich möchte einmal haben, was andere haben. Probleme in einer normalen Größenordnung. Sich zu vergleichen ist ein ein Expresshighway in die Unzufriedenheit, deswegen tue ich das nicht. Aber manchmal beneide ich Leute um das, was sie als Alltag haben.

    Eine Therapeutin, die mir in den letzten Monaten begegnet ist, tippte, schaute mich an und sagte: „Drei neurodivergente Kinder und Sie sind ja auch neurodivergent…“ Sie ließ den Satz unvollendet. Wir wussten beide, was sie meinte. Ein paar Wochen später sagte sie: „Haben Sie denn jemanden? Einen anderen Erwachsenen?“ und da dachte ich nur: nein. Ich habe keinen Erwachsenen. Alle meine Freund*innen und meine anderen Erwachsenen haben sehr viel eigenes Leben. Sie hören mir zu, nehmen Anteil, sind die süßesten Mäuse überhaupt, sie sind immer für mich da. Aber ich bin mit meinem Alltag alleine. Ich bin eine Mutter und zwei Väter in einer Person. Und auch noch ein paar Großeltern, wenn man so will.

    Neurodivergente Menschen brauchen oft andere Menschen. Zur sogenannten Co-Regulation, weil die Gefühle oft so groß und unverständlich für einen selbst sind, dass man jemanden braucht, der einem dabei hilft. Es gibt auch das sogenannte Body Doubling. Das heißt, dass man jemand anderen oder sich gegenseitig bei Aufgaben begleitet. Zum Beispiel, wenn man einfach nur dabei sitzt, wenn jemand lernt, Steuererklärung macht oder Rechnungen bezahlt. Man telefoniert und beide machen Hausarbeiten dabei. Es gibt viele Arten, das auszugestalten. Manchmal muss man uns auch ans Essen erinnern oder fragen, ob wir genug getrunken haben. Manchmal sind wir so im Hyperfokus, das wir vergessen, auf die Toilette zu gehen. Überhaupt der Hyperfokus! Schon mal jemanden aus dem Hyperfokus gerissen? Das ist, wenn der ADHSler endlich im Flow ist, ganz tief drin in einer Sache und richtig voran kommt, nichts anderes mehr mitbekommt. Da rausgerissen zu werden und dann wieder in der Realität zurecht zu kommen, ist schwierig. Vor allem, wenn man dann nicht unwirsch oder grantig sein will, weil man ja weiß: das ist kacki. Aber oftmals ist man eben noch nicht wieder ganz zurück und wirkt unaufmerksam und unzufrieden, weil man unterbrochen wurde. Der Flow ist weg, der Gedanke, es ist, als hätte einer mit der Axt reingehauen. Sei dann mal aufmerksam und auch noch ZUGEWANDT!!! Als Mutter von älteren Kindern wirst du da viel belächelt oder auch kritisiert, wenn du es nicht schaffst umzuswitchen.

    Neulich habe ich mit einem/r ADHS diagnostizierten Jugendlichen beim Beobachten eines Kindes, das sich gerade in der Diagnostik befindet, unterhalten, was mit der Begrifflichkeit „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ gemeint ist. Eigentlich meint es ja, dass wir nicht genug Aufmerksamkeit aufbringen können. Das stimmt nicht. Wir bringen sie nur nicht immer dafür auf, wo sie gefordert ist. Wir haben sehr viel Aufmerksamkeit für Dinge, die uns interessieren. Und da wirklich deep und umfassend! Ich habe dann erzählt, dass ich früher dachte, der Mensch empfinde es so, als bekäme er/ sie nicht genug Aufmerksamkeit. Und im Grunde ist da etwas Wahres dran, wenn ich mir anschaue, wie wir funktionieren. Wir verarbeiten Gefühle und Erlebtes oft durch reden, brauchen Begleitung in den banalsten Alltagsdingen, wohingegen wir komplizierteste Dinge komplett alleine wuppen- mal eben. Wir brauchen aber nicht nur Aufmerksamkeit, wir geben sie auch. Wir verstehen, kümmern und engagieren uns. Und wenn sich zwei von uns treffen, müsst ihr mal sehen, wie die zwei ADHSler auf Anhieb matchen können! Wie sie sich glücklich und gesehen fühlen und direkt all-in gehen. Smalltalk? Hä? Los, lass alle Kindheitstraumata und Ängste teilen!!! Da kommt kein konventionell verdrahtetes Gehirn mit. Und will das wahrscheinlich auch gar nicht.

    Aber all das ist anstrengend. Ich habe eineneurodivergente Freundin, die hat keine Kinder und sagt immer nur, für mich mit erschöpft: „Ey, wie machst du das?? Ich habe mit mir alleine schon so viel zu tun!“

    Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich ohne mein Muttersein wahrscheinlich auch weniger gut mit mir klar käme. Das gibt mir Halt, Struktur und eine Aufgabe. Aber es ist auch verdammt viel. Und manchmal herrscht hier Chaos auf einem Niveau, das keiner versteht in einer Taktung, die ich nicht verstehe, verstehen will. Die zu viel ist. Zu viel für eine Person. Und eben auch oft zu viel für die Menschen drum rum. Das macht „solche“ Menschen oft einsam. Wir sind viel und anstrengend, wir neurobuntesreusel Menschen. Aber die Welt, in der wir leben, ist leider so oft so gar nicht passend für uns. Sie ist laut, unverständlich, beängstigend, überfordernd und manchmal trotzdem scheiße langweilig.

    Ich habe mich darauf verlegt, der Mensch zu sein, den ich gerne hätte. Ich bin nicht perfekt darin. In nichts und eben auch nicht darin. Sie ist stets bemüht, würde ich mal sagen. Und manchmal fliegt mir mein ganzes Leben von einer Sekunde auf die andere um die Ohren. Weil hier so viel von Stabilität und Verlässlichkeit abhängt. Meiner Stabilität und Verlässlichkeit.

    So, und jetzt verlasse ich meinen Oversharing-Hyperfokus und gehe auf die Toilette, wo ich schon hin muss, seit ich mit Tippen angefangen habe. Und eigentlich müsste ich auch noch was vernünftiges essen (also was anderes als Chips im Bett). Und eventuell duschen. Wo ist der Erwachsene, der auf mich aufpasst??

  • Not suitable for vacation

    Not suitable for vacation

    Es gibt auf irgendeinem Streamingdienst eine Serie, die heißt „Not suitable for work“. Ich habe sie nicht angesehen, da der Fernsehkritik-Podcast meines Vertrauens es sehr mittelmäßig fand.

    Kurze Abschweifung: Übrigens, gar nicht mittelmäßig ist dieser Podcast! DAS KLEINE FERNSEHBALLETT. Bitte hört euch den Podcast an, im Zweifel Ultra werden und Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier dafür bezahlen, dass sie einem jede Woche diesen Podcast schenken. Man bekommt dann auch extra Content. Muss ich jetzt in diesem hochprofessionellen Blog erwähnen, dass ich zwar dicke, dicke Werbung für die beiden machen möchte, aber dafür kein Geld bekomme? Und die davon nix wissen? Also, ich bekomme kein Geld dafür, werbe aber trotzdem dafür, dass ihr ihnen Geld gebt, einfach weil ICH den Podcast so liebe und er eingestellt wird, wenn es nicht genug Menschen gibt, die das finanziell unterstützen. Es ist schnell, schlau, ADHSig, Sarah immer ein bisschen drübber und Stefan immer bemüht, sie wieder einzufangen. Großartig! Und selbst, wenn man die besprochenen Sachen nicht gesehen hat und nicht sehen will, die beiden sind großartig!

    Ich war auf Sarah Kuttners Lesung zu „Mama und Sam“, ihrem letzten Buch, und mein Gott, ist die schnell im Kopf! Unglaublich witzig und beeindruckend schnell. Und schlau.

    Also. Worauf wollte ich hinaus? Dass ich mich nicht für Urlaub eigne. Die gut unterrichteten Mäuse unter euch haben es ja mitbekommen: hier wurde einfach mal der Urlaub abgebrochen, bevor er richtig angefangen hatte. Wir kamen zeitig an, Flug, Taxifahrt alles gut und reibungslos gelaufen. Wir checken ein und laufen zum Bungalow. Am Pool vorbei. Ich war schon mehrmals in dieser Anlage im Urlaub. Immer mit vielen Kindern und einer männlichen Begleitperson. Diese Kinder haben dort teilweise sehr viel Zeit bei den angebotenen Freizeitaktivitäten verbracht und ich hatte endlich mal zwischendurch eine Pause. Keine Brotdosen, kein Einkaufen, Waschen, Kochen etc. für 5 Personen. Was für ein Himmelreich! Wer hört schon die wummernden Bespaßungsmusikbässe, wenn endlich mal 20 Minuten keiner MAAAAAMAAAA!!! ruft? Die Sonne schien, der Wind kühlte, am Strand kaum Menschen, keine Liegen, keine Schirme, nur ich und das Meer. Selbst am Pool habe ich den reinen Frieden empfunden. Der riesige Speisesaal mit all den Leuten- kein Problem, solange auch meine picky eater etwas zu essen gefunden haben.

    Mein letzter Aufenthalt dort war 7 Jahre, als ich am Samstag wieder einen Fuß in die Anlage gesetzt habe. Zwei meiner Kinder sind ausgezogen, das letzte hier wohnende ist auch längst kein Kind mehr. Wir sind eine FrauenWG mit Hunden. Wir gehen am Pool vorbei und es trifft mich wie ein Hammer: es ist laut und voll. Plötzlich scheint es mir gar nicht mehr wie ein Ort, an dem ich Frieden finde, sondern es ist ein lauter, voller Ort, an dem ich nicht sein will. Ich will nicht Liegen und Wasser mit so vielen Menschen teilen.

    Denn der letzte Aufenthalt ist nicht nur 7 Jahre her, sondern es liegen auch eine Menge Erkenntnisse und eine Diagnose zwischen mir damals und mir heute. Und ein Östrogenabfall, der irgendwie kompromissloser und willensstärker macht.

    Mein Stresslevel war damals zu Hause auf eine Art hoch, auf die es jetzt nicht mehr hoch ist. Der Stress ist jetzt ein anderer. Und diesem Art Stress lässt sich nicht in einem all-inclusive Hotel mit vielen Familien mit jeder Menge Kinder (0 bis 17) abhelfen .

    Mein Kind fühlte aus hier nicht näher genannten Gründen das gleiche und so haben wir beschlossen: wir fliegen heim. Und zwar sofort. Am nächsten Tag. Wir waren so glücklich nach dieser Entscheidung als hätten wir eine Woche erholsamsten Urlaubs hinter uns gebracht.

    Selbstwirksamkeit ist ein mächtiges Ding. Und zu entscheiden, wir brechen das hier ab, denn es soll schön sein und das ist es nicht, war großartig. Ein Teil von mir hat gezögert, alles abgespult im Kopf, was andere jetzt in dieser Situation zu mir sagen könnten. Und ich war mega gestresst. Bis ich mir gedacht habe: verdammt! Wann genau möchte ich das beenden, dass mich solche Dinge in meiner Freiheit und meinen Wünschen beschneiden? Denn die einzige Person, deren Meinung in dem Moment wichtig war, war mein Kind und das wollte auch NACH HAUSE. Also habe ich Flüge gebucht. Allein, dass es so spontan Rückflüge gab, war für mich ein Zeichen.

    Ja, beim spontanen Buchen habe ich dann vier statt zwei Gepäckstücke gebucht (natürlich gegen Geld), aber auch das habe ich weggeatmet. ADHS Steuer. Ich habe kurz überlegt, mich dafür mehrere Stunden zu schämen und schlecht zu fühlen, aber ich habe es gelassen. Schließlich hatte ich Urlaub.

    So bin ich zur Rezeption und habe ein Taxi für den nächsten Morgen geordert und schon mal ausgecheckt. Wir haben dann einen ganz ruhigen Abend verbracht, in Vorfreude auf den neuen Tag. Am nächsten Morgen kommt das Kind ins Bad und fragt: „Und? Fühlt sich die Entscheidung noch gut an?“ und ich habe nur gegrinst und gesagt: „Noch besser!“

    Und hier bin ich nun. Glücklich zu Hause. Und ich habe nur süße Antworten auf meine Mitteilung bekommen, jetzt wieder zu Hause zu sein. Danke liebe P an dieser Stelle, du warst soooo unfassbar mausig toll und auch A hat einfach sofort verstanden, warum ich wieder hier bin. Und ihr habt es nicht als „aufgeben“ gewertet, sondern eben als Selbstermächtigung.

    Die Hunde hingegen haben es wirklich gut angetroffen und so habe ich beschlossen, das Angebot unserer hinreißenden Hundesitterin anzunehmen, sie noch ein wenig dazulassen. Es ist ein schönes Gefühl, mal unabhängig von Gassizeiten zu planen, dennoch freue ich mich sehr darauf, wieder diese Struktur zu haben und so viel rauszukommen.

    Bitte? Hm? Da vor dem Fenster? Ja, das ist ein Hund. Nee, nee, nicht meiner, der von meinem Kind. Daycare, sozusagen, Hundetagesmutter mach ich heute.

    Die Dackelin, diese große Tragödin, hat es natürlich geschafft, die Hundesitterin und ihren Freund (ja, der, mit dem sie direkt in der Probenacht Löffelchen gelegen hat- wohlgemerkt als der große Löffel!) so zu beunruhigen, dass beide mit ihr im Notdienst in die Tierklinik gefahren sind. Sie hatte sich die Pfote vertreten und hernach ausgiebig winselnd eine ziemliche Dramolette aufgeführt, es wurde schlimmstes befürchtet, auch vom Arzt, um dann nach viel ärztlicher Aufmerksamkeit und einer Röntgenuntersuchung auf den eigenen Pfoten hinter dem Arzt her ins Behandlungszimmer zurückzudackeln. „And the Oscar goes to…“ Gut, in dem Fall wurde keine goldenen Statue verliehen, sondern der Tierklinik ein kleiner Goldbarren überwiesen, aber der Auftritt der Dackelin war es definitiv wert (immerhin gab es für das Geld eine Gegenleistung, was bei meinen zu viel gebuchten Gepäckstücken nicht der Fall war…).

    Also, ihr seht, ich eigne mich wirklich nicht richtig für Urlaub. Nicht für diesen und für ganz viele andere auch nicht. Ich freue mich mit allen anderen, die sich über ihre Urlaube freuen und diese genießen, aber ich bin so dankbar für meinen Aufstellpool und mein eigenes Bett, ihr macht euch keine Vorstellung!

    Aber wenn alle anderen Ferien haben und/ oder Urlaub machen, dann verlangsamt sich das Leben auch für mich. Und das genieße ich sehr. Danke für´s Urlaub machen!

  • Männer und ihre Songtexte

    Männer und ihre Songtexte

    Warnung: wenn jemand auf dem Annen May Kantereit Konzert am Freitag war und es gut fand: bitte jetzt nicht mehr weiterlesen, ich möchte euch den Abend nicht rückwirkend ruinieren. Es kommen auch andere Bands und Texte vor, aber da haue ich vielleicht nicht direkt auf noch frisches Glück.

    Ja, die Stimmung war gut und viele Leute waren sehr glücklich, da zu sein. A M K haben das geliefert, wofür das Publikum da war. Vielleicht alle, außer mir.

    Ich bin als Begleitung eingesprungen, weil die ursprüngliche Begleitung meiner Begleitung längerfristig außer Landes ist, was zum Zeitpunkt des Kartenkaufs noch nicht abzusehen war.

    Ich gebe ferner zu, dass dieser Tag stimmungsmäßig nicht mein bester war. Ich habe mich die vergangenen zwei Wochen gefühlt, als würde der Burnout nur darauf warten, dass ich Zeit für ihn habe und mit dem ersten Ferienwochenende ist er vorstellig geworden und teilte mir mit, wir beide hätten jetzt ein Date. Zum CSD in Mönchengladbach ist er auch direkt bereitwillig mitgekommen und hat sich, ein echter Ally, zurückgehalten und uns die Möglichkeit gegeben, uns wohl zu fühlen. Danach wurde er ein bißchen drängelig, aber so richtig Zweit hatte ich da auch nicht. Schließlich musste ich meine Hunde zur ersten Auswärtsübernachtung (ohne Frauchen) ihres Lebens bringen.

    Danach habe ich dann versucht, eine Pause zu machen. Hab eine Ibu eingeworfen und mich ins Bett gelegt, aber wer schon mal bei mir zu Hause war, weiß: netter Versuch.

    Also bin ich aufgestanden, habe mich angezogen für das Konzert und hab mich auf den Weg gemacht.

    Ich hatte in den Tagen vorher schon mal die Setlist durchgehört und habe festgestellt: es wird sich sehr viel bei Frauen entschuldigt. Pocahontas wird wissen, wofür, uns bleibt man konkrete Inhalte schuldig. Einer namenlosen Frau wird gedankt, dass sie mit so wenig zufrieden ist und trotzdem so präsent. „Und dann merk ich, es ist leicht/ weil dir so wenig reicht/ Du gibst mir Zeit“. Ich habe gekotzt, als ich das gelesen habe.

    Es wird gelobt, wie bescheiden sie sind bzw. es wird tatsächlich das Wort „demütig“ gebraucht in Katharina: „Du bist so wunderbar demütig/ Und deine Ruhe, die liebe ich“) und er versichert ihr: „…deine Wut/ Die ist Okay und manchmal gut“. Ich fasse es nicht! Wie großzügig!

    Naja, und ansonsten ziemlich viel dusseliges „wir sind zusammen und sitzen hier, früher, blabla, heute…“ Es ist so unfassbar egal. Jeder Schlager hat dagegen mehr Tiefe, Humor oder Ironie. Hier nimmt sich jemand sehr ironiefrei sehr ernst. Soll er. Aber ich bin nicht dabei.

    Als dann noch belehrt wurde in einem neuen noch unveröffentlichten Song, Bildschirmzeit sei verlorene Lebenszeit oder so ein Quark, war ich raus. Wo war ich denn da gelandet? Vor zwei Wochen haben an der Stelle Kraftklub gespielt und ich war on fire, da war Wut, Engagement, Liebe, (Selbst)Ironie, Humor, Kraft, Politik, es war laut, wholesome, und der/ die Texter*innen dieser Lieder waren sich durchaus darüber bewusst, dass nicht alles, was da gesungen wird, als gesundes Beziehungsmuster gilt. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Bzw. genau darum.

    Schauen wir doch mal noch auf ein paar andere Liedtexte. Ich hielt mal Hoobastanks „The Reason“ für ein gutes Liebeslied. Mittlerweile denke ich mir: wenn du dich einfach von Anfang nicht wie ein Hurensohn benommen hättest, müsstest jetzt hier nicht so rumheulen. Das Lied hat ein Freund des Bräutigams auf meiner zweiten Hochzeit gespielt. Dieses Lied ist wie eine 90er Jahre RomCom, in der richtig beschissenes männlich Verhalten als Gipfel der Romantik gilt und Mann und Frau sind am Ende ein Paar, womöglich, weil er sie dann großzügig erwählt, weil sie ihm immer alles verzeiht. Das ist noch schlimmer als die Variante, dass sie ihm am Ende eine Chance gibt, obwohl er ein Hurensohn ist.

    Wollen wir über Lewis Capaldi reden? in „Before you go“ fragt er , ob er irgendwas hätte tun oder sagen können „to make your heart beat better“. Ob er etwas hätte tun können, „to make it all stop hurting“. Er singt, dass es nie der richtige Zeitpunkt war, wenn sie anrief. Und Stück für Stück sei es verloren gegangen, bis nichts mehr da war. Ach, späte Reue, typisch. Das sind immer die, die von ihrer eigenen Scheidung überrascht werden, weil da ja vorher keine Anzeichen waren. Jedes Mal möchte ich soooo gerne die Frau dazu befragen, was sie vorher alles versucht hat. Und bei „Forget me“ packt mich immer die blanke Wut, weil es einfach so beschissen ist: er will sich lieber anhören, wie sehr sie ihn bereut, als dass sie ihn einfach vergisst. Er will lieber hören, wie sie „pray to God that you never met me“, als dass sie ihn vergisst. Er weiß, dass sie seinen Anblick nicht ertragen kann. Und dennoch will er das alles lieber vor Augen geführt bekommen, sie zwingen, ihn zu sehen, als sie in Frieden zu lassen. Ihr Abstand und Ruhe zu geben. „Well, I ´ll take the vitriol/ But not the thought of you moving on“. Dramatischer geht es nicht. Er sagt, ihr, dass sie ihn vergiftet, tötet, mit ihrer Verletztheit, ihrem Bedürfnis nach Abstand, aber in seiner toxischen Gedankenwelt ist diese Aufmerksamkeit immer noch besser als keine und die ist sie ihm schuldig, deswegen nimmt er sie sich einfach.

    „If you walk out on me, I ´m walking after you“ singen die Foo Fighters. „If you accept surrender/ Give up some more/ Weren ´t you adored?“ „I cannot be without you/ Matter of fact/ I ´m on your back“. Wenn du mich je verlässt, dann werde ich hinter dir sein, dich verfolgen. Ich kann nicht ohne dich sein, das ist eine Tatsache und der hast du dich zu fügen. Wurdest du nicht angebetet? Ich sage nichts dazu. Aber es klingt nach drohendem Femizid.

    Die Toten Hosen machen aus dieser Absicht in „Alles aus Liebe“ gar keinen Hehl. Und dieses Lied wird auf Hochzeiten gespielt als Liebeslied! Man kann es als kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Femizid betrachten, aber wenn es so gemeint sein sollte, dann sollte man die Zuhörer*innen auch darüber in Kenntnis setzen, denn sie scheinen es nicht verstanden zu haben.

    Während ich also auf dem Konzert innerlich berufsbedingt Textanalyse betrieben habe (wir haben mich ja Literaturwissenschaften, Sprachwissenschaften und Soziologie studieren lassen), war der Burnout der Meinung, jetzt sei aber wirklich genug mit der Hinhalterei. Mein Körper schmerzte, mein Hirn drehte sich und alles war zu laut. Die Tränen hätten es beinah ein paar mal geschafft. Die Atmung panisch. Ich habe es geschafft, ihn an der Hand zu nehmen und wir sind dann auf´s Klo und Pommes essen gegangen.

    Auf dem Klo konnte ich hören, wie eine junge Frau telefonierte und sagte: „… nee, ich bin schon auf dem Konzert. hmmm. Hab schon so viel geheult! … Hier ist einfach kein Klopapier! Was für´ne Scheissstadt! Fick dich, Gladbach.“

    Mit der Pommes in der Hand auf der Suche nach einem Sitzplätzchen fiel mein Blick auf eine Maus, die da saß und weinte. Eine andere Frau kam und legte Hand an Schulter, ging dann weiter. Wenig später kamen zwei andere Frauen, scheinbar Freundinnen, denn die Tränen waren getrocknet und man schmiedete Pläne.

    Der quengelige Burnout hat es dann noch mit einer Panikattacke versucht, ich habe mich echt erpresst gefühlt, aber die konnten wir niederatmen. Zurück auf der Fläche bei der Begleitung, deren Begleitung ich ja eigentlich war, haben wir dann beschlossen, dass es nun auch genug sei und kalt und wir sind gegangen, die Begleitung, der Burnout und ich.

    Statt zu weinen haben wir lautstark weiter Textexegese betrieben, der Burnout und ich, nur zaghaft haben wir die abgewendete Panikattacke erwähnt und uns ereifert über so viel belangloses Blahblah mit wenn schon nicht Pauken, dann immerhin Trompeten.

    Jetzt sitzen wir hier, der Burnout und ich, die Dackelin auf dem Praktikantinnensessel, auf dem sie immer schläft, wenn sie und ich Büroarbeiten machen, der Burnout und ich trinken Kaffee und essen die Nussecke, die das Kind netterweise mitgebracht hat.

    Wie gesagt, sie haben auswärts übernachtet, die Mäuse und die Dackelin hat wieder ihren „I ´ll steal your boyfriend“ move angewandt und vorher gezogene Grenzen mit Leichtigkeit ausgehebelt. So eine Charmeurin!

    Ich frage mich, ob ich auch den Burnout nicht einfach auswärts übernachten lassen könnte? Vielleicht kann ich ihn austricksen und ihn mit in den Urlaub nehmen und dort „vergessen“? Echt? Ihr meint, die kennen den Trick? Vielleicht können wir uns auch einfach ein bißchen anfreunden und das Beste aus der gemeinsamen Zeit machen.

    Auf jeden Fall gucken wir gleich irgendwann „22 Bahnen“ zu Ende. Ein schönes Buch und ein schöner Film.

    Und hören Musik. „´Til we die`“ von Slipknot, damit fangen wir an, laut wäre heute gut. Und Vita: Mein Fehler.

  • Dellen

    Dellen

    Dosen mit Dellen kaufe ich nicht. Meine Mutter warnte immer, vielleicht hat mich Anfang der Zweitausender auch Öko Test gewarnt, dass man die besser nicht kauft. Keine Ahnung. Ohne also zu wissen, warum, befühle ich beim Einkaufen jede Konservendose, ob ihre Außenseite glatt und dellenlos ist.

    Mein Auto hat seit einem Stelldichein mit einer schlumpfblauen Säule im Parkhaus vielleicht keine richtige Delle, aber auf jeden Fall blaue Flecken, naja, Striemen könnte man auch sagen. Diese betonen auf jeden Fall die natürliche Form dieses Autos dergestalt, dass es aussieht als habe es an der Stelle eine Delle.

    Heute Morgen fiel mein Blick mit Brille auf mein Ganzkörperspiegelbild. Oftmals sehe ich mich nur ohne Brille im Spiegel, im Bad z.B., wenn man aus der Badewanne steigt, dann sieht man auf einmal ziemlich viel von sich. Aber so ohne Brille und mit einer Menge Hornhautverkrümmung sieht man dann glatt und schlank (Astigmatismus bedeutet Stabsehen, das streckt ungemein) aus. Heute Morgen huschte ich nun in temperaturangemessener Kleidungsmenge (Unterhose und T-Shirt) an einem Spiegel vorbei. Und erhaschte einen Blick auf meinen, ja, ich muss es sagen, Hintern. Ich stoppte und schaute nochmal genau hin. Ich glaube, ich kann mich nicht erinnern, meinen Hintern jemals aktiv angeschaut zu haben und dabei nicht festzustellen: er hat Dellen. Mit 15 habe ich es deshalb vermieden, ihn anzuschauen. In jedem anderen Alter im Grunde auch. Und alle Unterwäsche und Badekleidung sollte ihn möglichst so verpacken, dass niemand denkt, ich würde mir anmaßen, diesen Anblick absichtlich zur Schau zu stellen. Aber heute Morgen habe ich gemerkt: es hat sich etwas grundlegend verändert.

    Die Seiten, auf denen ich Unterwäsche bestelle, haben verschiedenste Körperformen in ihre Schlüpper und BHs gesteckt. Groß, klein, alt, jung, faltig, glatt, dellig- und je öfter ich das sehe, desto besser finde ich meinen eigenen Körper. Er ist einfach ganz normal. Weil ich nicht mehr nur am Strand sehe, wie normal andere aussehen, sondern auch in der Welt des schönen Scheins. Meine neue Unterwäsche sieht an der Frau auf der Seite im Internet genau so aus wie an mir vor meinem Spiegel zu Hause. Und ich habe das bestellt, weil es auch an diesem nicht gefotoshopten Körper schön aussah. Und als ich eben mein Spiegelbild erhascht habe und mein Hintern mir in seiner ganzen Normalität gezeigt wurde, dachte ich nicht: na, den kannste ja keinem zumuten!, sondern ich war zufrieden. Versöhnt. Es war mir nichts peinlich.

    Es ist ein wunderbarer Weg, Menschen klein zu halten und sie geradezu zu kontrollieren, wenn man ihnen beständig das Gefühl gibt, etwas an ihnen entspricht nicht der Norm. Ihr Lachen nicht, ihr Gewicht, ihre Nase, ihre Art zu denken, ihre Schüchternheit, ihr Selbstbewusstsein, die Kleidung, die Haarfarbe- und wenn dann die Norm in kleinen Nuancen immer wieder verändert wird, hält man ziemlich viele Menschen ziemlich beschäftigt, denn dazuzugehören ist ein menschliches Grundbedürfnis. Selbst die, die behaupten, ihnen sei die Meinung anderer vollkommen egal, haben Menschen, zu denen sie gehören wollen. Von denen sie anerkannt werden wollen, gemocht oder geliebt.

    Mein Tattoo vom letzten Jahr hat mich ja quasi gezwungen, mir wieder Bikinis zu kaufen. Und ich habe gemerkt, dass es mir immer egaler wurde, wie viel Stoff das Unterteil mitbringt. Es gab eine Zeit, das gab es sehr viel diese 40er, 50er Jahre Unterteile mit tiefem Beinausschnitt und hoch am Bauch. Fand ich toll, da war alles gut verpackt und versteckt. Dieser Bauch hat schließlich drei Kinder beherbergt, alle am Ende um die 3,5 kg und mit reichlich Fruchtwasser. Das sieht man. Dieser Bauch runzelt und faltet, je nachdem, wie ich mich bewege. Und wisst ihr was? Drauf geschissen!

    Ich habe überhaupt keine Lust mehr, sehnsüchtig auf die schönen Bikinis zu gucken, um mir dann einen doofen Badeanzug zu kaufen oder einen Bikini, der versteckt, was nun mal da ist. Es ist mir egal. Die Menschen im Urlaub- ja, ich fahre in den Urlaub!- müssen da durch. Hier wird jetzt mit Selbstbewusstsein jede Delle und jede Runzel zur Schau gestellt. Ich will die schönen Bikinis tragen!

    Denn, das ist immer meine Gegenprobe, werde ich wirklich am Ende meines Lebens denken: hätt´ ich mal lieber den Badeanzug von Lascana weitergetragen statt des Bikinis von Victoria ´s Secret? Ich glaube nicht. Hier wird jetzt dick aufgetragen.

    Aber, kennt ihr das auch? Wenn ihr etwas macht, also den Mut fasst, etwas zu machen, dass dann andere um die Ecke kommen und das doof finden, nicht weil es doof IST, sondern weil sie sich das nicht trauen? Dass man darüber nachdenkt: ich will das heute gerne anziehen, aber wenn ich das zu der Verabredung anziehe, dann wird er/ sie sich schlecht fühlen/ mir einen Kommentar drücken/ immer auf diesem oder jenem Kleidungsstück rumhacken? Dass du auf diesen Schuhen laufen kannst! Dass du dich das traust! DU kannst das ja tragen, aber ich… Ich hab ja gar keine Zeit dafür. Ja, du hast ja… setzt ein, was ihr wollt. Tolle Haare, stabile Nägel, Normgewicht, was weiß denn ich. Das nervt. Denn man hat das doch nicht extra, um andere zu nerven. Ich habe eine Freundin, die hat einen umwerfenden Charme. Zudem ist sie wahnsinnig klar, freundlich, intelligent und fleißig. Und erfolgreich. Was die sich zum Teil anhören darf! Als würde sie unlautere Mittel nutzen. Dabei steht es doch jedem frei, ein freundlicher Mensch zu sein. Sich fortzubilden. Fleißig zu sein. Aktiv am Leben teilzunehmen. Aber es gibt Menschen, die so unsicher mit sich selbst sind, dass sie das tatsächlich provoziert.

    Und auch wenn ich Mitgefühl habe für Menschen, die mit sich zu kämpfen haben, so habe ich kein Verständnis dafür, dass sie anderen neiden, wo diese erfolgreich sind oder selbstbewusst. Denn auch diese Menschen haben doch ihre Sorgen, Nöte, Krankheiten, bei sich oder Angehörigen, irgendwelche „Defizite“. Aber man kann doch nicht verlangen, dass andere sich klein machen, damit man sich selber nicht so klein fühlt!

    Und nun lautet der Appell: lasst die anderen einfach mal in Ruhe. Du musst niemanden als „fett“ bezeichnen. Weder andere noch- und hier wird es ganz wichtig!- dich selbst. Hier wird keine Bodypositivity gepredigt, hier wird offensive Lebensfreude gefordert! Macht es euch doch einfach da, wo es möglich ist, mal so richtig leicht. Und schön. Findet man nicht die stylishen alten, runzligen, weißhaarigen Frauen auf instagram allesamt unglaublich cool? Weil die scheinbar keinen Fick geben auf die Meinung der anderen? Ja, dann lass doch heute damit anfangen, so eine zu werden! Am Ende deines Lebens denkst du nicht, warum hab ich damals…?, sondern nur: Warum hab ich damals NICHT????

    So, und jetzt raus mit euch, geht spielen! Macht mal eine Runde Hopfserlauf als würde keiner gucken!

  • Die Neunziger

    Ich habe eine Serie angefangen, in der es um die Vogue in den 90ern geht. Ich brauchte etwas Neues, was auf keinen Fall mein Hirn anstrengt und so wurde es das. I was on fire! Mode und Musik- mein ein und alles in den 90ern!

    Es sind im Moment viele Dokus zu sehen, in denen es irgendwie um die 90er geht. Fußballdokus, Musikdokus, Modedokus, was weiß denn ich. Und es ist jedes Mal wieder eine Überraschung für mich, was das mit mir macht. Wie sehr mich Bilder und Lieder aus der Zeit packen, berühren, erinnern, selbst Dinge, die mich nicht interessiert haben wie zum Beispiel Fußball, haben ja dennoch die Zeit, den Zeitgeschmack und mich geprägt. Ich war vollkommen überrascht, wie viel mir in der Doku „Beckham“ bekannt vorkam. Ich dachte, ich hätte mich wirklich null für Take That interessiert und dennoch hatte auch Robbie Williams´ Doku eine Menge Bilder und Momente für mich parat, die Erinnerungen weckten. Pamela Anderson genauso. Kylie Minogue. Zuletzt habe ich die Fußballldoku „1994“ gesehen (und irgendwie schon damit gerechnet, dass es 32 Jahre später ähnlich enden würde für die Männernationalmannschaft in Amerika) und nichts hat mich mit 17 weniger interessiert als das- und dennoch erzählen Kleidung, Entwicklung, Äußerungen von damals und heute eine Menge über die Zeit.

    Was mich am meisten fertig macht, ist, wie mit Frauen umgegangen wurde in der Zeit und wie vertraut mir das ist. Mit jungen Frauen vor allem, aber im Grunde Frauen allgemein. Die 94er WM wurde ja im Grunde nur wegen der Ehefrauen und Partnerinnen der Spieler verloren, weil die so fordernd und ablenkend waren. Ja, und weil Berti Vogts eben Berti Vogts war. Beckenbauer und Bild haben wirklich alles gegeben, um diesen Mann fertig zu machen. Von der Bild erwartet man ja tatsächlich auch nichts anderes, aber das der Kaiser Franz Beckenbauer das nötig hatte- ich kann es nicht verstehen. Nicht, weil ich ihn für so einen integren Mann halte, Gott bewahre!, sondern weil ich annahm, peinlich berührt herunterzublicken auf diesen unwürdigen Nachfolger reicht, ich wusste nicht, dass man da in Kauf nimmt, sich die Stollen schmutzig zu machen beim Nach-unten-treten, nur um sicher zu gehen, dass es auch ALLE mitbekommen, dass der Nachfolger eine Witzfigur in den Augen des Kaisers ist. Ich fand, es war schwer auszuhalten, was da passiert ist.

    Kurz OFF TOPIC. Ich lese gerade „Noch wach?“ von Benjamin von Stuckrad-Barre und da ist mir der Fall Kasia Lenhardt wiederbegegnet und im Podcast „Doppelmaushälfte“ (sehr empfehlenswert, Barbie Breakout und Simon Dömer sind einfach hinreißend und in der Pride Season möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass sich die Stimmung im Land gerade massiv ändert, was queere Menschen angeht. Wo pink washing (bitte googelt es einfach kurz, ich kann nicht den dritten Nebenstrang hier aufmachen) vor ein paar Jahren noch ein Must-Do für die großen Konzerne war, lässt man es jetzt lieber weg, man will ja keine Kund*innen verschrecken.) Also. Kasia Lenhardt. Es ist nicht an mir vorübergegangen, aber ich habe damals- als absolute Bildverweigererin!- nur am Rande mitbekommen, was da passiert ist. Bzw. nicht was da passiert ist, sondern sagen wir mal: wie. Fakt ist: die junge Frau hat sich am Ende das Leben genommen. Und ein bekannter Fußballer und eine große Boulevardzeitung spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Und ich muss jetzt mal einen Recherche Deep Dive machen. Simon Dömer hat den Spiegel Podcast dazu gehört, aber er meinte, es sei kaum auszuhalten.

    Worauf ich aber ursprünglich mal hinaus wollte: die Neunziger. Jedes Jahrzehnt hat seine prägenden Momente. In allen Lebensbereichen. Aber findet ihr nicht auch, dass da so ein Geist herrschte von Freiheit, Zukunftsvorfreude und absolutem Hedonismus? Und zwar auch, aber eben nicht nur in der negativen Konnotation? Mein Gefühl war, dass Ungerechtigkeiten überwunden werden würden in den nächsten Jahren, meinetwegen Jahrzehnten, aber das Dinge wirklich BESSER werden würden. Für alle Menschen. Ich bin auch damals nicht so naiv gewesen, wie das klingt. Ich hatte viel Kritik am bestehenden Zustand der Welt. Aber ich dachte dennoch, da sei doch was zu retten. Mauern fielen, Feinde sprachen miteinander über Frieden! Aufklärung und Akzeptanz schritten für mich voran. Rückschritte waren nur dazu da, es noch mehr zu wollen. Quasi nochmal Anlauf zu nehmen. So sehe ich mein Weltbild aus der Sicht von heute. So war mein Gefühl, auch wenn ich es nicht so formuliert hätte damals. Ich fand vieles scheiße und reaktionär. Aber das konnte man ja anders machen! Little did I know.

    Ich möchte meinem 16 bis 19 jährigen Ich eigentlich lieber nicht sagen, wie die Welt jetzt aussieht. Gut, dass ich gar keine Möglichkeit dazu habe! Was würde es wohl mit dieser Jugendlichen machen, zu wissen, wie die Welt sich gerade anfühlt? Die große und die kleine. Die, die ich ihr bei einer Zeitreise zeigen würde. Ich glaube, sie würde meine/ unsere/ ihre Kinder bestaunen. Die würden ihr gefallen. Aber was würde sie über den Rest sagen? Wäre sie sauer auf mich, welche Entscheidungen ich getroffen habe? Würden sie die Probleme, die vor ihr liegen, abschrecken? Oder würde sie sagen: ich sehe, wir haben es bis hier hin geschafft! Trotzdem.

    Sie würde die Tätowierungen mögen. Ganz lange haben wir die für uns abgelehnt. Und uns am Anfang sehr dafür geschämt, damals nach dem Stechen. Das war was für Asis, so sah das unsere Familie. Und wir fanden uns niemals cool genug, um mit den Tätowierten mitzuspielen, wohlwissend, dass es genügend uncoole Leute mit Tattoos gibt. Aber mit denen wollten wir ja auch nicht in einer Liga spielen.

    Wie sie wohl die Hunde fände? Wir haben uns diesen Kindheitstraum erfüllt! Und was würde sie dazu sagen, dass wir jetzt zweimal in der Woche im Stall rumhängen? Bei PFERDEN? Ich glaube, das könnte ich ihr erklären und sie würde es verstehen.

    Sie wäre stolz auf mich, wegen der zwei Scheidungen. Sie wusste immer, dass wir keine für „bis der Tod euch scheidet“ sind. Sie konnte sich nicht vorstellen, mit wem man das durchhalten sollte. Dennoch hat sie immer ein bisschen gehofft, diesen Menschen, naja, Mann, zu finden. Aber ich sag mal so: wir haben die Suche falsch angepackt. Und vielleicht zu viele RomComs mit sehr schlechten Vorbildern konsumiert!

    Das war immer ihr Horror. Sich in einer Ehe zu Tode zu langweilen. Allerdings weiß ich nicht, ob sie es so gut finden würde, dass wir uns 13 Jahre lang in der von Anfang an falschen Beziehung befunden haben. Das könnte sie wütend machen oder sehr verschrecken. Sie würde uns nicht wiedererkennen. Gut, dass ich ihr auch das nicht beichten muss!

    Ich fühle mich dieser Version Teenagerversion von mir näher, als der 28jährigen oder der 38jährigen. Ich weiß gar nicht genau, wer ich da war. Wenn ich Fotos sehe, dann sehe ich mich, aber ich habe keine Ahnung, wer ich damals war. Eine Frau mit zwei, später drei Kindern. Ich glaube, ich hatte nicht einen Wunsch, nicht einen Traum. Auch wenn ich heute immer noch darum kämpfe, wieder mein eigener Mensch zu sein, aus Gründen, so bin ich doch wieder mehr ich als ich es in all den Jahren davor war.

    Mein Lebensratgeberportal Instagram bestätigt mir dieses Gefühl. Viele Frauen in meinem Alter schreiben das: die Perimenopause lässt dich wieder zu deinem Teenager-Ich werden. Nur cooler.

    Neulich habe ich eine kurze Hose aus dem Schrank geholt, die habe ich seit ich 15 bin. Meine Mutter war damals entsetzt! Viiiel zu kurz! Die durfte ich nicht anziehen. Ich sag mal so: das firmierte damals unter Hotpants, aber heutige Hotpants lächeln da nur müde. Ich habe mich mit dieser Hose vollkommen angezogen gefühlt mit meinen fast 50jährigen Beinen. Und das bisschen Punk und Goth, das in mir schlummert, feiert die Hose immer noch!

    So, Freunde. Jetzt ruft mein Leben 2026. Grüße an 1994, unsere jüngste Tochter spielt auf Autofahrten ab und zu ausgerechnet Scooter. Hyper, hyper, kann man da nur sagen! Da hast du nicht mit gerechnet und auch nicht mit rechnen wollen, richtig?

  • No alarms and no surprises

    No alarms and no surprises

    Als ich das erste Mal bei diesem Radiohead Lied auf den Text im Refrain geachtet habe, stand ich in einer wirklich anstrengenden Lebensphase in der Dämmerung an der Straße mit Blick auf „such a pretty house“, mein hübsches Haus, und ich dachte nur: ja, bitte, keine alarms und keine surprises mehr!

    Ich habe mich nicht gefangen gefühlt in einem modernen, inhaltsleeren, von Routinen durchwirkten Leben, so wie es in dem Lied zum Ausdruck kommt, sondern in einem, das nur noch aus Alarmzuständen bestand. Nie Ruhe, kein Moment der Sicherheit. Immer in Bereitschaft.

    Ich habe in den letzten Jahren viel, sehr viel gelernt über Zustände, Nervensysteme und rote Bereiche. Warum man einen Burnout bekommen kann, wo doch von außen betrachtet nichts übermäßig schlimmes passiert, die Arbeitsbelastung schaffbar scheint und warum ein neurodivergenter Burnout etwas anderes ist als das, was ich bis dahin als Burnout kannte. Ich habe viele Dinge verstanden, die ich vorher nicht begriffen habe. Ich habe Antworten gesucht auf sooooo viele Fragen. Damit ich die passenden Hilfen suchen konnte für Menschen, die mir am Herzen liegen. Und irgendwann habe ich verstanden: das alles ist ja nicht nur ein Problem der anderen und ich will helfen. Sondern auch ich habe dadurch Probleme. Das, was ich fühle ist real. Es gibt Studien dazu. Untersuchungen, wie die Nervensysteme von Menschen wie mir sind. Da ist immer, durchgängig Alarmbereitschaft. Ohne Pause. Im Schlaf, am Wochenende, beim Treffen mit Freund*innen, immer. Ich scanne permanent den Raum, die Stimmung, Blicke, Nachrichten, Stimmlagen. Und wenn jetzt einer sagt: ja, da musst du dich entspannen, meditieren, Grenzen ziehen, dir Zeit für dich nehmen, dann raste ich aus! Das verkennt meine Lebenswirklichkeit und die vieler anderer Eltern, Partner*innen und Kinder von Menschen, die psychische Probleme haben.

    Es gibt eine Anekdote aus meiner Kindheit und mir ist das nie so aufgefallen, aber jemand anders hat irgendwann mal zu mir gesagt: „Das ist nicht so lustig, wie es klingt. Du hast mit drei schon die Verantwortung für deine Mutter übernommen.“

    Meine Mutter hat sehr viel Verantwortung für mich übernommen, so ist das nicht. Es war für alles gesorgt, sie hat sich gekümmert, zugehört, es gab Regeln, aber sie war auch immer bereit, sich guten Argumenten zu beugen. Sie war lustig, geduldig- bis sie es nicht mehr war, weil auch die Geduldigste mal an ihre Grenzen kommt- manchmal regelrecht unkonventionell, sehr klug, redegewandt und manchmal richtig badass. Aber eben jemand, die auch vieles mit sich herumgetragen hat. Ich weiß nicht, ob meine Mutter jemals wirklich gerne gelebt hat.

    Ich spreche in der Vergangenheit von ihr, das ist eigentlich nicht richtig. Meine Mutter lebt. Aber ganz viel von dem, was und wie sie war, geht verloren. Ist verloren. Wenn ich nicht vor ihr stehe, hat sie schon an vielen Tagen vergessen, wer ich bin. Wenn sie mich sieht und wir uns umarmen, dann ist alles wieder da. Dann kommen ihr die Tränen. Ich glaube, sie fühlt sich sicher bei mir. Nein, ich weiß, dass sie das tut.

    Ich müsste öfter bei ihr sein. Für sie. Für meinen Vater. Aber ich kann nicht. Es müssen immer ein paar Tage, ein, zwei Wochen dazwischen liegen. Dafür gibt es viele Gründe. Ich kann sie nicht alle aufzählen, auch dafür gibt es viele Gründe.

    Vor ein paar Monaten war ich bei ihr. Sie lag noch im Bett, stand dann auf, brauchte etwas Hilfe. Sie saß am Bettrand. Auf einmal nimmt sie mein Gesicht in ihre Hände, schaut mich an und sagt, irgendwie staunend:

    „Bist du schön!“

    Sowas hatte sie bis dahin erst einmal zu mir gesagt, ein paar Wochen zuvor, da lag sie im Krankenhaus. Da habe ich noch gedacht: sie ist noch sehr verwirrt. Einfach, weil meine Mutter solche Komplimente nie gemacht hat. Ich weiß, dass meine Mutter findet, dass ich grundsätzlich eine attraktive Frau bin. Aber “Komplimente“ gingen früher immer so: etwas stand mir gut, hieß: nicht zu extravagant, nicht zu „schlumpfig“, die Haare hatten die richtige Länge, meine Figur/ Gewicht war im erwünschten Bereich, nicht zu dünn, nicht zu „mollig“, usw. War ich zu chic hieß es: „Ach, du bist so schick und ich sehe so aus!“ Hatte ich etwas zu „weibliches“ an, hieß es, in einem ganz bestimmten Tonfall: „Rasant!“ Am schlimmsten war, wenn sie fand, dass ich in etwas „NETT“ aussah. Das war ihr größtes Kompliment. Nett. Harmlos, nicht bedrohlich, nicht sexy, nicht auffällig, in der Norm. Ihrer Norm.

    In meiner ersten Schwangerschaft durfte ich nach 15 Wochen des Liegenmüssens endlich wieder aufstehen. Da ich noch nicht wieder Autofahren durfte, hat sie mich zum Arzt gefahren. Danach waren wir kurz in der Stadt um etwas zu essen, danach gingen wir direkt zum Auto. Ich wollte gerne noch in der Stadt bleiben, aber meine Mutter bestand darauf zu gehen, weil mein enormer Bauch dafür sorgte, dass T-Shirt und Rock nicht zu 100% miteinander abschlossen. Man sah etwas nackte Haut. Das war ihr so peinlich, dass sie nicht nach meiner resurrection, meiner wortwörtlichen Auferstehung mit mir in die Stadt gehen wollte. Fast vier Monate hatte ich nur meine Wohnung, das Krankenhaus und das Haus meiner Eltern gesehen. Es war ein warmer, sonniger Septembertag. Das war 2000, ihr wisst, wo damals die Hosen von Jeanette Biedermann saßen!

    Immer gab es etwas anzumerken zu dem, was ich tat. Immer eine Sorge, ein Bedenken, einen Kommentar.

    Meine Tochter hat mir irgendwann mal auf einen wirklich saublöden Kommentar von mir zu ihrem Oberteil gesagt, dass das scheisse ist und begründet warum. Und ab diesem Tag habe ich hart an mir gearbeitet, meinen Töchtern keine Kommentare oder Verbesserungsvorschläge mehr mitzugeben. Werde ich explizit gefragt, gebe ich eine Antwort. Sonst sage ich ihnen gerne und freimütig: Wie hübsch du bist! Du siehst toll aus! Lobe Kleidungsstücke, Kombinationen, feiere, was sie für großartige Wesen sind, aber werte nicht, vergleiche nicht, sage nicht, das steht dir nicht, warum bist du nicht geschminkt?, warum bist du so doll geschminkt?, blau steht dir besser,… nein. Einfach nur: du bist toll. Ich will keinen Einfluss auf ihren persönlichen Stil nehmen. Sie sollen nicht mich mitdenken, wenn sie vor dem Kleiderschrank stehen, sie denken schon genug nach über solche Dinge.

    Und das hat einen Einfluss auf unser Verhältnis. Erst mal sorgt es für Sicherheit und Wertschätzung. Und außerdem profitiere ich total davon. Denn diese beiden jungen Frauen haben sehr unterschiedliche Stile und Geschmäcker. Und beide haben mir neue Sichtweisen eröffnet. Mich inspiriert zu Sachen, mir Mut gegeben, meine alten, erlernten Muster abzulegen. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar.

    Meine Mutter hat versucht, mir zu vermitteln, dass es egal ist, was andere denken. Das habe ich geglaubt. Ich habe es weiß Gott nicht immer gefühlt, aber ich habe geglaubt, dass das das Ziel ist. Bis ich gemerkt habe: sie meint das gar nicht so. Sie hat nicht zu ihrem Stil stehen können, wenn andere einen anderen, auffälligeren hatten. Wusste, der würde niemals zu ihr passen, aber fühlte sich unterlegen und kritisiert für ihren Stil. Ich bin mir sicher, dass die betreffende Person so nie gedacht hat. Sie ist bis heute eine Platzhirschin, sie will gar nicht, dass andere sich auch so kleiden, da bin ich mir sicher. Wochenlang wurde vor Einladungen oder Kurztrips mit diesen Freunden rumgejammert, man habe nichts zum Anziehen, man sei ja nicht genug, würde verurteilt. Und selbst WENN! Dann sagt das doch mehr über die anderen, als über dich, Mama!!!

    Wenn es mir wirklich egal war, was die anderen denken, war sie zur Stelle, um mir klar zu machen: du musst schon Rücksicht auf die anderen nehmen, vor allen Dingen sollte ich Rücksicht auf sie nehmen. Wie oft habe ich meinen Töchtern andere Kleidung angezogen, bevor es zu meiner Mutter ging, damit sie nichts zu meckern hat. Wie lange habe ich überlegt, was ich anziehe, um einen Kommentar zu vermeiden!

    “Bist du schön!“ Mit 49 das erste Mal. Manche werde das wohl nie von ihren Müttern hören, fürchte ich. Man war für diese Generation und die davor und die davor etc. nie genug. Was sollen die Leute sagen?

    Wie bin ich hier hingeraten?

    Ich wollte sagen: ich bin damit aufgewachsen, dass mein Verhalten als direkter Einflussfaktor auf das Wohlbefinden einer anderen Person galt. Bis hin zu meiner Kleidung. 1990 und 91 war der Tag meiner Mutter morgens versaut, wenn ich zu viel Haarspray benutzt hatte. Wenn ich Liebeskummer hatte, wollte meine Mutter, dass das aufhörte. Freundinnen nutzten mich nur aus, da wurden morgens schon mal Schranktüren geschmissen, weil man ja die ganze Nacht vor Wut nicht schlafen konnte deswegen, wenn ich mich abnabelte oder abgrenzte, war ich schwierig und die ganze Familie wurde in Aufruhr versetzt. Das ging so bis ich 33 war.

    Ich habe gelernt, meine Gefühle bis zur Unkenntlichkeit runterzuregulieren, habe gelernt, aufmerksam zu sein. I can read a room! Ich kann jeden Raum lesen, nicht nur, weil neurodivergente Menschen das oft sehr gut können, sondern weil ich das gelernt habe. Von klein auf. Und genauso, wie ich meine Mutter beobachtet habe, hat sie mich beobachtet. Uns entging nichts. Nur die Schlüsse, die sie daraus gezogen hat, waren nicht richtig. Auch wenn sie das stets behauptet hat. Ich weiß, wie es dir geht.

    So ist hier also jemand, die an all das so sehr gewöhnt ist, dass sie das nicht einfach so ablegen kann. Und auch wenn ich weiß: ich bin nicht für die Stimmung anderer verantwortlich (es sei denn, ich habe aktiv etwas getan, was das verursacht hat, aber darüber reden wir nicht), fühle ich mich verantwortlich. Ich werde gebraucht.

    Neurodivergenz ist neben vielem anderen eine Gefühlsregulierungsstörung. Es wird zu viel, zu ungefiltert wahrgenommen, die dadurch hervorgerufenen Gefühle sind so groß und so viel, dass viele damit alleine überfordert sind. Es erfordert Skills, Training, Wissen, Erfahrung und Unterstützung, das hinzubekommen. Womöglich Medikamente, wenn es passende gibt. Und Menschen, die co-regulieren. Neurodivergenz ist hochvererblich. Stärker als braune Augen.

    Und so hat man als neurodivergenter Mensch womöglich auch neurodivergente Kinder. Und muss nicht nur sich, sondern auch die Kinder und die Eltern regulieren. Und manchmal alle gleichzeitig. In einer Gesellschaft, in der das Bewusstsein für diese Dinge nur langsam wächst. Und es immer wieder als Trenddiagnose abgetan wird.

    Und so wünscht man sich manchmal einfach nur: no alarms and no surprises.

  • Wut.

    Wut.

    Ja, ich fühle gerade Wut. Wut, weil ich dachte, ok, probierst du mal den KI Assistenten für deine neue Seite aus und schaust, was passiert. Ich habe eine Stunde gebraucht, um herauszufinden, wie ich die Scheiße, die der tolle Assistent da gemacht hat, wieder von meiner Seite entfernt hatte. Denn wer denkt, dass man einfach sagen kann: entfern das wieder! der irrt. Ich hatte plötzlich schrecklichste Stockfotos auf meiner Seite und Texte, die ich nie in Auftrag gegeben hatte. Und dann sagst du: entferne alle KI generierten Inhalte und dann sagt dir der Assistent: ach, so, nee, das geht nicht, aber geh mal hier hin oder dahin und mach mal das und das. Jahhhaaaa, hab ich gemacht. Aber an den Stellen war das nicht zu entfernen. Nix plug and play! Letztlich habe ich es durch Zufall geschafft. Statt mir zu sagen: ja, dann geh halt auf Beiträge und Medien und entfern die Sachen, bekam ich eine mehrschrittige Anleitung, wie ich zu „Extendify“ oder an andere Stellen gehen soll und da auf zurücksetzen. Sorry, aber wer jetzt denkt, dass das so einfach ist, wie es klingt, täuscht sich. Aber als hauptberufliche Durchwurschtlerin habe ich es geschafft. Ich habe euch alle Agentursprechpseudobeiträge ersparen können und die Stockbilder mit rustikalen Holztischen und vielen Händen, mit Blöcken und Stiften (in NY Loftbüros mit hohen Fensters wahrscheinlich)entfernt. Welcome back to my blank space!

    Zwischendurch dachte ich, dass es helfen könnte, der Maschine zu sagen, dass sie mir einfach eine neutrale Seite ohne Schrift und Bilder machen soll. Ich wünschte, ich hätte das Ergebnis für euch gesichert! Ihr wisst, meine Empfehlung ist immer: erst ein Foto machen, dann den Schaden beheben. Sei es bei einer fallengelassenen Olivenölflasche oder bei irrwitzigen KI Vorschlägen, wo „keine Bilder“ zu Bildern von so etwas wie Raufasertapete führte. Jetzt bereue ich, dass ich das nicht besser dokumentiert habe.

    Allein, wenn ich die Leiste am Rand sehe, möchte ich lachen, als da wären: Schreibstil verbessern, Sprache vereinfachen, verkürzen, verlängern. Ja, was wäre denn dann noch von unserem trauten Umgang hier übrig?

    Allerdings muss ich mich noch damit befassen, wie ich dem Blog eine rechtlich angemessene Form gebe und naja, ich kann euch das Impressum, DSGV und sowas ja nicht als Beitrag schreiben, das sollte ja doch sinnvollerweise einen festen Platz haben, eine Art Inhaltsverzeichnis wäre auch nett- aber das muss ich halt noch rausfinden, wie ich das mache. Warum zum Fick (sorry) gibt es keinen neutralen Grundaufbau, den man einfach mit Inhalt füllt? Aber ich werde das schon schaffen. Krieg ich halt noch einen Wutanfall.

    So wie bei dem Kabarettisten, der früher mal lustig und scharfsinnig und menschenfreundlich und gelassen war, der jetzt sein ganzes Programm daraus generiert, sich über andere lustig zu machen, und zwar nicht die mit Macht, sondern die anderen. Denn jetzt ist er in dem Alter, wo man Macht hat. Früher sagte er sinngemäß: „Doch man darf alles sagen, man darf halt nur nicht erwarten, dass keiner widerspricht.“ Heute sagt er (sinngemäß): Man darf ja gar nichts mehr sagen!

    Ihr kennt ihn alle. Ich finde ihn seit Jahren richtig schlimm und wenn ihr mir erzählt, ihr besucht eines seiner Programme, dann reiße ich mich massiv zusammen, euch nicht zu sagen, wie ich den finde. OK, doch meinem Vater sag ich das, der kennt den sogar persönlich, den tollen Herrn, da muss mein Vater durch.

    Frauen sollen sich halt nicht so anstellen. 300 bis 350 getötete Frauen bedeuten für ihn kein statistisches Risiko, von einem Mann getötet zu werden. Ignorierend, dass es dabei um Femizide geht, die einer anderen Struktur folgen als andere Tötungsdelikte, tut er auch noch so, als seien das alles promiske Frauen, die bei One Night Stands getötet werden. Ich flippe aus!!! Und zwar komplett! DEN MANN ERST MAL KENNENLERNEN BEVOR MAN MIT IHM INS BETT GEHT???? Was? Ich persönlich kenne aus meinem Umfeld (das heißt ich habe diese Frauen gekannt) zwei Fälle von Femizid, wo Partner ihre Partnerinnen getötet haben. Das waren keine One Night Stands. Das waren feste Beziehungen. In dem einen Fall kannte ich auch den Partner. Ein seltsamer Kerl, aber niemand, bei dem man sagen würde: vor dem musst du dich in Acht nehmen, der tötet bestimmt Frauen!

    Nein, diese Frauen waren nicht selbst schuld. Nichts rechtfertigt, einen anderen Menschen zu töten! Und kommt mir jetzt nicht mit: ja, aber wenn einer deinem Kind etwas tut! Das ist Bullshit! Dann ist es auch nicht an mir, diesen Menschen zu töten. Und wir entwerfen jetzt hier keine Horrorszenarien, an deren Ende ich jemanden mit dem Küchenmesser erstochen habe, um mein Kind zu retten. So etwas entwirft man nicht, um von Morden an Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen abzulenken und das zu rechtfertigen. Du sollst nicht töten.

    Statt sich zu überlegen, dass da 300 bis 350 Männer jemanden getötet haben, geht es nur darum, wie lächerlich sich Frauen benehmen, weil sie Angst haben und Forderungen nach mehr Sicherheit stellen (Grüße nach Spanien! Es geht, wenn man will!! Liebe euch dafür) Und die haben sie ja offensichtlich zu recht, denn: im Publikum saßen reichlich Leute, die applaudiert haben bei diesen Sätzen. Ich nehme an, diese Menschen greifen nicht ein, wenn eine Frau von einem Mann bedrängt oder belästigt oder bedroht oder attackiert wird. Man weiß ja nicht, was vorher passiert ist. Was sie vorher gemacht oder gesagt hat. „Es gehören ja immer zwei dazu.“

    Ja, ein Opfer und ein Täter. Und das Opfer trägt keine Schuld. Punkt. Der Täter hat eine Wahl, ob er Täter wird oder nicht.

    Jeder Mann hat die Wahl, ob er ein Mann sein möchte, bei dem sich Frauen sicher fühlen oder einer, der Frauen unangenehm ist. Und ein Mann zu sein, bei dem sich Frauen sicher fühlen, macht einen Mann nicht weniger männlich. Das ist ein Mann, der bereit ist, zu reflektieren, worin sich dieses Machtgefälle ausdrückt und sich nicht beschnitten fühlt, wegzulassen, was Frauen ein unsicheres Gefühl gibt. Wechsel im Dunkeln die Straßenseite, halt Abstand. Mach keine anzüglichen Witze. Frag im Zweifel eine Frau, was für sie gerade das richtige ist: soll ich dich ins Parkhaus begleiten oder möchtest du lieber alleine gehen? Möchtest du umarmt oder geküsst werden? Kommentiere keine Outfits. Man kann auch andere Komplimente machen. Leg deine Hand nicht auf ihre Stuhllehne, wenn du neben ihr sitzt. Es fängt in kleinen Dingen an.

    Zwei Szenen zum Vergleich.

    Ein Mann mustert die minderjährige Freundin (bekleidet mit einem weiten T-Shirt und einer Boxershorts) des Sohnes seiner Partnerin morgens in der Küche und konstatiert nachher: „Die XY soll sich einen BH anziehen, wenn die runterkommt!“

    Ein Mann plant mit seiner Partnerin in den Pool zu gehen. Die Teenagertochter kommt dazu und will auch in den Pool. Der Mann fragt seine Partnerin: „Meinst du, das ist ok für sie? Soll ich lieber nicht mit reingehen? Meinst du das ist ihr lieber?“

    Ihr seid schlau, ihr braucht keine Erklärung. Mann hat immer eine Wahl.

    So, Mausis. Kussis gehen raus! Danke für eure süßen Reaktionen auf die Neuauflage des Blogs! Ihr seid die Besten!

  • Das muss neu!

    Das muss neu!

    Ich hatte eine Schreibblockade. Aber nicht, weil mir nichts einfiel, sondern weil ich auf der alten Seite nicht mehr schreiben konnte. Ich konnte zwar den Namen des Blogs ändern, aber nicht den Namen der, ihr wisst schon, naja, und ich halt nicht… Domain? Und da war ja noch eine Referenz zu meinem abgelegten Nachnamen drin. Und unter dem Namen konnte ich nicht mehr schreiben. Also haben wir jetzt einen neuen Namen. Weil wir wieder eine Miss sind. Weil der Nachname jetzt mit V anfängt. Weil wir uns immer wie ein misfit gefühlt haben. Weil wir damals bei den Missfits gesehen haben, dass Frauen auch wirklich richtig lustig sein können.

    Inhaltlich wird sich nichts ändern. Hier wird wieder viel Meinung gehabt, die kann sich durchaus nach neu gewonnenen Erkenntnissen auch mal ändern, aber es wird immer noch emanziger Kram sein, was direkt eine offizielle Ausladung ist an alle, die darauf keine Lust haben und dabei mit den Augen rollen. Wir Frauen brauchen einander und jeder Mann, der sich davon nicht angegriffen fühlt, ist hier herzlich willkommen. Für alle anderen ist hier Ende. Denn auch das hat den alten Blog beschädigt. Dass jemand Einfluss auf seinen Inhalt nehmen wollte. Es gibt Menschen, die sind hier nicht willkommen und ich möchte klarstellen, dass das Lesen dieser Texte auf eigene Gefahr passiert. Wie vorher auch. Nein, Mausis, ihr müsst euch keine Gedanken machen, ihr seid nicht gemeint!

    Meine Therapeutin hat angeregt, dass ich den Blog wiederbelebe und ich bin eine gute Patientin, die die Empfehlungen ihrer Therapeutin gewissenhaft befolgt. Nach der Therapiestunde ein Lied aussuchen, das zur Stimmung passt und darüber nachdenken, warum. Zum Beispiel. Und eben: wieder schreiben. Weil es meine Gedanken sortiert. Und da noch und immer wieder Dinge sind, die ein bißchen Sortierung brauchen.

    Ja, wir machen jetzt Therapie. Weil einer Therapeutin aufgefallen ist, die gar nicht mich behandeln sollte, sondern jemand anderen, dass ich PTBS Symptome zeige und hat mir dringend geraten, das behandeln zu lassen. Und da ich das auch immer gedacht habe, aber auch gedacht habe: „jetzt übertreib mal nicht, du steigerst dich da rein“, war ich sehr beruhigt zu hören, dass ich mir das weder einrede noch einbilde. Und so wird es jetzt behandelt.

    Wow, was bin ich denn heute so? Habe gerade erst mal zwei sehr krawallige und fast schon verbitterte Sätze gelöscht. Das ist die Perimenopause, ich sag´s euch! Obwohl meine hinreißende Frauenärztin beim Anblick meines rechten Eierstocks* neulich in Ekstase verfallen ist, darüber was für ein tolles „Eierstöckchen“ dieser Eierstock ist und wie toll der noch seine Arbeit macht in diesem 49jährigen Körper, da brauche es keinen Hormonstatus, dem sehe man an, dass der noch gut dabei ist, sind wir eben doch perimenopausal. (*gut, der linke hat nicht so eine gute Zwischenbeurteilung wegen einer Zyste bekommen, aber mein Gott, der kriegt sich auch wieder ein.)

    So, spätestens die mehrfach Nennung des Wortes „Eierstöcke“ hat hier hoffentlich unerwünschte Leser abgeschreckt. Bei Bindenwerbung (damals immerhin noch mit blauer Ersatzflüssigkeit) hat mann sich jedenfalls schon mal bei mir beschwert, warum das sein müsse oder bei der Erwähnung des Wortes „Periodenunterwäsche“ Würge-, nein, sagen wir es, wie es ist, Kotzgeräusche gemacht. Das brauchen wir hier nicht. Ja, wir sind Ausschließer.

    Stichwort Abschreckung. Kleines Update: Ich habe hier doch mal über einen Mann geschrieben- so mein Kenntnisstand damals- in einer Beziehung war (mittlerweile ist diese Beziehung zu Ende) und der zu mir zu einem Kaffee kommen wollte und mich zu lange und zu feste umarmt hat. Der hat sich ja sehr missverstanden gefühlt und tut es noch. So eine bin ich.

    Also: welcome back!

    Ich werde mich in der nächsten Zeit mal quälen mit der weiteren Einrichtung dieser Seite und vielleicht wird ja auch irgendwas professioneller werden als vorher, aber ich würde jetzt kein Geld drauf setzen.