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Mama

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Mama

Ich habe gerade, wie immer, wenn ich Zeit finde, ein special interest und zwar Judith Holofernes. Ich lese gerade ihr zweites Buch- nein, ich höre es, weil mir Lesen nicht schnell genug geht, weil ich dafür nicht so viel Zeit habe, aber beim Gassi gehen, Spülen, Aufräumen, Schminken, Sport (jahaaa, Freundinnen, der Sport hat wieder Einzug gehalten hier!)- also, wann immer niemand mit mir redet oder ich mich auf etwas anderes konzentrieren muss, so wie jetzt, höre ich dieses Hörbuch. Ich hatte es für den Urlaub auf meinen Reader geladen, weil gewichtssparend, aber ehrlich gesagt: ich brauche es auch noch in Papierform. Um die Stellen und Sätze zu markieren, die mir etwas bedeuten.

“Pas devant les enfants“ ist ein Satz, der im Buch vorkommt, der mir sehr gefällt. Er erinnert mich an die Versuche meines Vaters, ein Familienleben und vor allem Eheleben zu haben, wo die Kinder nicht immer alles wissen und mitbekommen und meine Mutter, die gleichzeitig nicht willens und auf eine gewisse Art nicht in der Lage war, ihm das zu bieten.

Auch wenn ich keine erfolgreiche Musikerin und Autorin bin, so finde ich doch sooo viel wieder in den Schilderungen von Judith Holofernes, denn wir sind Frauen, gleich alt und haben ADHS. Daraus ergeben sich eine Menge Dinge, in denen ich mich wiedererkenne, ohne mich auf anmaßende Weise mit ihr vergleichen oder gleichsetzen zu wollen. Es tut einfach immer wieder gut, zu lesen, zu sehen, zu hören, zu fühlen: ich bin nicht allein damit.

Ihre Mutter erinnert mich an vielen Stellen sehr an meine. Das liebevolle, zugewandte, verständnisvolle, das Anderssein als andere Mütter in den 80ern. Auch wenn meine Mutter mit vielen Regeln und Unfreiheiten groß geworden ist, so hatte doch auch meine Oma gewisse stille Rebellinnenqualitäten, die zusammen mit einem Pädagogikstudium in den 70ern in meiner Mutter einen für die 80er Jahre in einer Kleinstadt oft argwöhnisch begutachteten Erziehungsstil gefestigt haben.

Hatte meine Oma meine Mutter schon mit 5 oder 6 Jahren gezwungen, sich beim Friseur der Tortur einer Dauerwelle zu unterziehen, ihr falsche Haarteile in den Dutt geflochten (der natürlich beim Spielen mit den anderen Kindern auf der Straße stets drohte, sich in seine Bestandteile zu zerlegen, was es unbedingt zu verhindern galt, weil das Ärger gab) und sie später trotz Sonnenallergie genötigt, sich mit Tiroler Nussöl mariniert in die Sonne zu legen und die Haare zu blondieren, so war meine Mutter begeistert auf den genderneutrale-Kleidung-Trend der End70er aufgesprungen bei mir. Meine Kleidung war braun, orange, blau, maximal mal rot und meine Haare kurz. Mein Vater, mit drei Brüdern aufgewachsen, sollte mit später 5 DM anbieten, damit ich mir meine Haare, die gerade etwas gewachsen waren, wieder kurz schneiden lasse. FÜNF MARK!! Das war unerreichbar viel Geld! Natürlich ließ ich sie schneiden.

In der Grundschule hatte ich lange Haare und einen geraden Pony, genau wie meine beste Freundin. Wir sahen einander so ähnlich, dass selbst mein Opa und ihr Vater uns jeweils einmal miteinander verwechselt haben. Die Haarlänge ließ meine Mutter zähneknirschend durchgehen, Zöpfe, Haarspangen und ähnliches fanden keinen Anklang und keine Unterstützung. War der kindliche Pferdeschwanz nicht ganz akkurat, so wurde gemeckert, aber nicht geholfen, einen ohne Dellen und herausstehende Haare zu frisieren.

Kleider waren auch ein heißes Thema. Sie musste IMMER welche tragen, damals war das ja auch in den Schulen Pflicht. Das Gymnasium meiner Mutter war immerhin so fortschrittlich, dass die Mädchen und jungen Frauen wenigstens bei winterlicher Kälte Hosen tragen durften, wenn auch unter Missbilligung. Das andere Mädchengymnasium erlaubte nur in Ausnahmefällen Hosen unter den Röcken. Was für eine Scheiße! Damals durfte man keine Hose tragen, aus Sittsamkeit, heute gilt ein Rock, fast egal in welcher Länge, schon als Aufforderung zum Geschlechtsverkehr…

So hatte ich ganz viele Hosen, aber um jedes Kleid und besonders um jeden Rock (meine Mutter hatte eine zutiefst rassistische Abneigung gegen die damals aktuelle Rockform) musste ich kämpfen. Ein enger Freund meiner Eltern war Vertreter für Kinderkleidung und da war meine Mutter quasi gezwungen, ab und zu ein Kleid zu bestellen. Wenn ich an den Kollektionsständern stand, konnte ich kaum glauben, was für unglaublich tolle Kleider es gab. Meine Mutter versuchte, die neutralsten auszusuchen. So war es auch bei Schuhen: ich bekam die praktischen dunkelblauen Sandalen und die botten, ebenfalls dunkelblauen Kickersschuhe zum Kleid. Lieblichere oder verspieltere Modelle wurden mir verwehrt. Wenn ich doch mal in den Besitz eines solchen Paar Schuhes kam, war ich im Himmel. Da ich evangelisch war, wusste ich auch: ich würde, zusammen mit nur einem weiteren Mädchen aus meiner Klasse, in der dritten Klasse keine weißen Lackschuhe bekommen. Und eben kein weißes Kleid. Ich hätte meine Seele verkauft dafür!

Meine Mutter war- nein, sie ist nicht tot, auch wenn das so klingt, sie ist nur nicht mehr sie selbst- schlau, wunderschön, lustig, sehr intelligent, viel zu feinfühlig und ängstlich und trotzdem auf eine gewisse Weise badass. Es gab Dinge, da schaffte sie die Anpassung, die von ihr erwartet wurde, nicht. Und ich glaube, sie hat ihr Leben lang darunter gelitten und sich geschämt. Sie konnte uns zum Beispiel einfach nicht so erziehen, wie meine Großeltern väterlicherseits das wollten. Das hat ihr viel Unverständnis und irgendwie auch Ärger eingebracht. Erst als ich Abitur gemacht hatte und studiert habe, fingen meine Großeltern an, mich gut zu finden. Doch nicht auf der Straße gelandet!

Als ich vor Jahren „The Crown“ gesehen habe, musste ich oft an meine Familie väterlicherseits denken. Wie meine Oma einmal von Bekannten erzählte, dass die ja so Pech mit ihren Kindern hatten. In meinem Kopf entspannen sich wilde Szenarien, womit diese Kinder ihre Eltern so enttäuscht haben könnten: Schäferdasein in Frankreich, Drogen, Obdachlosigkeit, Gefängnis… nein: Scheidung! Wenn eine Mutter Queen Elisabeth und ihr „annus horribilis“ verstanden hat, dann war es meine Oma! Schließlich hatten sich auch zwei ihrer Kinder scheiden lassen. Schrecklich!

Es wurde nicht über Dinge geredet, „Scheiße, die man umrührt, stinkt!“ war die Maßgabe meines Opas. Meine Mutter aber musste reden. Dinge klären, ansprechen, verstehen… sie biss damit bei meinem Vater auf Granit und meine Großeltern ließen sie gar nicht erst soweit kommen. Wie eine adelige Familie hatten sie höheres im Sinn gehabt für ihre Söhne, als die sehr bürgerlichen Frauen, die sie geheiratet haben. Ganz schön abgehoben, wenn wir mal in diesem Denkmuster bleiben, für eine Familie, die sich aus der Landwirtschaft hochgearbeitet hat. Eine Lehrerin! Pfff. Es hätte gerne etwas mehr Glanz und Glamour sein dürfen, etwas, das repräsentabler ist. Ehrgeiziger für den aufstrebenden Sohn. Ich glaube, sie hofften auf eine Neuauflage des „Powercouples“, das sie waren. Sie wollten eine Frau wie meine Oma für ihn, denke ich. Reisen, Einladungen, Repräsentation, Unterstützung. Eine Außenministerin. Kinder waren erwünscht, aber: sehen, nicht hören, man kennt es. Wobei, meine Oma hat ja, ihr wisst es, meinem Vater sehr deutlich gesagt, dass sie auf sein Kind gewiss nicht aufpassen würde. Gut, ihr jüngstes Kind war damals 15, von außen betrachtet verständlich, aber sie hat sich ab dem zweiten Kind schon wirklich nicht mehr besonders für ihre Kinder interessiert. Wie gut, dass das zwischen meiner Oma und mir auf Gegenseitigkeit beruhte! Ich habe mir eine zupackende, aber weiche, liebevolle, geduldige Ersatzoma gesucht. Das aufgescheuchte Huhn mit den Pelzmänteln und den Reisefotos in der Handtasche konnte ich nicht mit den allgemeingültigen Regeln für Omas in Einklang bringen. Ebenso wenig übrigens wie meine andere Oma, die so verzagt und ängstlich war, dass sie nie und nimmer auch nur eine Minute mit mir alleine hätte verbringen wollen. Als mein Geschwister noch sehr klein war, kam sie ins Altersheim und erst als ich schwanger mit meinem ersten Kind war, starb sie. Dazwischen eine lange Phase Leben, in dem sie sich dem Leben immer weiter zu verweigern und zu entziehen schien, wie schon so lange in ihrem Leben. Ich glaube, krassere Gegensätze als meine beiden Omas gibt es nicht. Kompromissloser Lebenshunger kontra Leiden am Leben.

Der Kleinstadt war also meine Mutter, die ihre Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht hatte, aus guten Gründen, wie ich finde, das Zögern der Ärzte damals hätte uns beide beinah das Leben gekostet, was aber damals nichts galt, die evangelisch war und ihre Kinder auch so hat taufen lassen, die nicht backen wollte, nicht gerne kochte, unendlich vorgelesen hat, uns hat Fernsehgucken lassen, so viel wir wollten, immer mit uns diskutiert hat und ihre Regeln immer bereit war zu überdenken und anzupassen, die „die Frau von“ war, aber so gar nicht so auftreten wollte- ein Rätsel. Ein Misfit. In den Kreisen in der nächstgrößeren Stadt, in die mein Vater sie mitnahm, aber auch. Ich frage mich manchmal, wo sie richtig hinein gepasst hätte. Vielleicht nirgendwo. Vielleicht nur in kleine, selbstgebaute Welten und Kreise. Eine zeitlang hatte sie zwei Freundinnen, denen sie sich sehr nah fühlte, die verstanden, wie sie war. Eine von den beiden wurde sehr krank und starb vor einigen Jahren. Das muss schlimm für sie gewesen.

Ach, Hase, ich wünschte, du hättest nicht die Namen deiner Enkelinnen vergessen, sondern die Selbstentwertung, mit der du dich immer betrachtet hast. Aber die sitzt noch. Wann immer wir uns sehen, nörgelst du an dir rum. Und immer auch ein bißchen an mir, weil dir meine Selbstsicherheit suspekt erscheint. Wie etwas, das nicht für mich ist, sondern gegen dich. Ich wünschte, du hättest mehr Mut gehabt. Ich wünschte, du hättest mehr gewusst, über dich, über das, was heute „Trenddiagnosen“ geschimpft wird. Aber dieses Wissen gab es damals nicht. Auch wenn du immer Witze über dein „…“ Sein gemacht hast.

„Wann immer ich etwas unbedingt wollte, war es nachher scheiße.“ Dieser Satz von dir, hat sich mir eingebrannt und ich denke viel darüber nach.

Im Grunde warst du eine Rebellin. Nicht in willens und in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen, nach so manchen Regeln zu leben. Weil sie nicht zu dir passten. Aber dir der Mut fehlte, drauf zu scheißen. Du hast dich leise widersetzt, im Nein gelebt und nie im Ja, also im Ja zu dir. Als es mal in unserer Küche um deine absolut fehlende Kochleidenschaft ging, hast du gegrinst, geseufzt und gesagt: „Im Grunde meines Herzens war ich immer eine Intellektuelle!“ So wahr… ich wünschte, du hättest das mehr leben können!

Und jetzt ist da etwas, das genau da sitzt und genau das zerstört, was dich immer ausgemacht hat. Das dir die Worte raubt, die du immer so gut beherrscht hast. Es bricht mein Herz.