No alarms and no surprises
Als ich das erste Mal bei diesem Radiohead Lied auf den Text im Refrain geachtet habe, stand ich in einer wirklich anstrengenden Lebensphase in der Dämmerung an der Straße mit Blick auf „such a pretty house“, mein hübsches Haus, und ich dachte nur: ja, bitte, keine alarms und keine surprises mehr!
Ich habe mich nicht gefangen gefühlt in einem modernen, inhaltsleeren, von Routinen durchwirkten Leben, so wie es in dem Lied zum Ausdruck kommt, sondern in einem, das nur noch aus Alarmzuständen bestand. Nie Ruhe, kein Moment der Sicherheit. Immer in Bereitschaft.
Ich habe in den letzten Jahren viel, sehr viel gelernt über Zustände, Nervensysteme und rote Bereiche. Warum man einen Burnout bekommen kann, wo doch von außen betrachtet nichts übermäßig schlimmes passiert, die Arbeitsbelastung schaffbar scheint und warum ein neurodivergenter Burnout etwas anderes ist als das, was ich bis dahin als Burnout kannte. Ich habe viele Dinge verstanden, die ich vorher nicht begriffen habe. Ich habe Antworten gesucht auf sooooo viele Fragen. Damit ich die passenden Hilfen suchen konnte für Menschen, die mir am Herzen liegen. Und irgendwann habe ich verstanden: das alles ist ja nicht nur ein Problem der anderen und ich will helfen. Sondern auch ich habe dadurch Probleme. Das, was ich fühle ist real. Es gibt Studien dazu. Untersuchungen, wie die Nervensysteme von Menschen wie mir sind. Da ist immer, durchgängig Alarmbereitschaft. Ohne Pause. Im Schlaf, am Wochenende, beim Treffen mit Freund*innen, immer. Ich scanne permanent den Raum, die Stimmung, Blicke, Nachrichten, Stimmlagen. Und wenn jetzt einer sagt: ja, da musst du dich entspannen, meditieren, Grenzen ziehen, dir Zeit für dich nehmen, dann raste ich aus! Das verkennt meine Lebenswirklichkeit und die vieler anderer Eltern, Partner*innen und Kinder von Menschen, die psychische Probleme haben.
Es gibt eine Anekdote aus meiner Kindheit und mir ist das nie so aufgefallen, aber jemand anders hat irgendwann mal zu mir gesagt: „Das ist nicht so lustig, wie es klingt. Du hast mit drei schon die Verantwortung für deine Mutter übernommen.“
Meine Mutter hat sehr viel Verantwortung für mich übernommen, so ist das nicht. Es war für alles gesorgt, sie hat sich gekümmert, zugehört, es gab Regeln, aber sie war auch immer bereit, sich guten Argumenten zu beugen. Sie war lustig, geduldig- bis sie es nicht mehr war, weil auch die Geduldigste mal an ihre Grenzen kommt- manchmal regelrecht unkonventionell, sehr klug, redegewandt und manchmal richtig badass. Aber eben jemand, die auch vieles mit sich herumgetragen hat. Ich weiß nicht, ob meine Mutter jemals wirklich gerne gelebt hat.
Ich spreche in der Vergangenheit von ihr, das ist eigentlich nicht richtig. Meine Mutter lebt. Aber ganz viel von dem, was und wie sie war, geht verloren. Ist verloren. Wenn ich nicht vor ihr stehe, hat sie schon an vielen Tagen vergessen, wer ich bin. Wenn sie mich sieht und wir uns umarmen, dann ist alles wieder da. Dann kommen ihr die Tränen. Ich glaube, sie fühlt sich sicher bei mir. Nein, ich weiß, dass sie das tut.
Ich müsste öfter bei ihr sein. Für sie. Für meinen Vater. Aber ich kann nicht. Es müssen immer ein paar Tage, ein, zwei Wochen dazwischen liegen. Dafür gibt es viele Gründe. Ich kann sie nicht alle aufzählen, auch dafür gibt es viele Gründe.
Vor ein paar Monaten war ich bei ihr. Sie lag noch im Bett, stand dann auf, brauchte etwas Hilfe. Sie saß am Bettrand. Auf einmal nimmt sie mein Gesicht in ihre Hände, schaut mich an und sagt, irgendwie staunend:
„Bist du schön!“
Sowas hatte sie bis dahin erst einmal zu mir gesagt, ein paar Wochen zuvor, da lag sie im Krankenhaus. Da habe ich noch gedacht: sie ist noch sehr verwirrt. Einfach, weil meine Mutter solche Komplimente nie gemacht hat. Ich weiß, dass meine Mutter findet, dass ich grundsätzlich eine attraktive Frau bin. Aber “Komplimente“ gingen früher immer so: etwas stand mir gut, hieß: nicht zu extravagant, nicht zu „schlumpfig“, die Haare hatten die richtige Länge, meine Figur/ Gewicht war im erwünschten Bereich, nicht zu dünn, nicht zu „mollig“, usw. War ich zu chic hieß es: „Ach, du bist so schick und ich sehe so aus!“ Hatte ich etwas zu „weibliches“ an, hieß es, in einem ganz bestimmten Tonfall: „Rasant!“ Am schlimmsten war, wenn sie fand, dass ich in etwas „NETT“ aussah. Das war ihr größtes Kompliment. Nett. Harmlos, nicht bedrohlich, nicht sexy, nicht auffällig, in der Norm. Ihrer Norm.
In meiner ersten Schwangerschaft durfte ich nach 15 Wochen des Liegenmüssens endlich wieder aufstehen. Da ich noch nicht wieder Autofahren durfte, hat sie mich zum Arzt gefahren. Danach waren wir kurz in der Stadt um etwas zu essen, danach gingen wir direkt zum Auto. Ich wollte gerne noch in der Stadt bleiben, aber meine Mutter bestand darauf zu gehen, weil mein enormer Bauch dafür sorgte, dass T-Shirt und Rock nicht zu 100% miteinander abschlossen. Man sah etwas nackte Haut. Das war ihr so peinlich, dass sie nicht nach meiner resurrection, meiner wortwörtlichen Auferstehung mit mir in die Stadt gehen wollte. Fast vier Monate hatte ich nur meine Wohnung, das Krankenhaus und das Haus meiner Eltern gesehen. Es war ein warmer, sonniger Septembertag. Das war 2000, ihr wisst, wo damals die Hosen von Jeanette Biedermann saßen!
Immer gab es etwas anzumerken zu dem, was ich tat. Immer eine Sorge, ein Bedenken, einen Kommentar.
Meine Tochter hat mir irgendwann mal auf einen wirklich saublöden Kommentar von mir zu ihrem Oberteil gesagt, dass das scheisse ist und begründet warum. Und ab diesem Tag habe ich hart an mir gearbeitet, meinen Töchtern keine Kommentare oder Verbesserungsvorschläge mehr mitzugeben. Werde ich explizit gefragt, gebe ich eine Antwort. Sonst sage ich ihnen gerne und freimütig: Wie hübsch du bist! Du siehst toll aus! Lobe Kleidungsstücke, Kombinationen, feiere, was sie für großartige Wesen sind, aber werte nicht, vergleiche nicht, sage nicht, das steht dir nicht, warum bist du nicht geschminkt?, warum bist du so doll geschminkt?, blau steht dir besser,… nein. Einfach nur: du bist toll. Ich will keinen Einfluss auf ihren persönlichen Stil nehmen. Sie sollen nicht mich mitdenken, wenn sie vor dem Kleiderschrank stehen, sie denken schon genug nach über solche Dinge.
Und das hat einen Einfluss auf unser Verhältnis. Erst mal sorgt es für Sicherheit und Wertschätzung. Und außerdem profitiere ich total davon. Denn diese beiden jungen Frauen haben sehr unterschiedliche Stile und Geschmäcker. Und beide haben mir neue Sichtweisen eröffnet. Mich inspiriert zu Sachen, mir Mut gegeben, meine alten, erlernten Muster abzulegen. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar.
Meine Mutter hat versucht, mir zu vermitteln, dass es egal ist, was andere denken. Das habe ich geglaubt. Ich habe es weiß Gott nicht immer gefühlt, aber ich habe geglaubt, dass das das Ziel ist. Bis ich gemerkt habe: sie meint das gar nicht so. Sie hat nicht zu ihrem Stil stehen können, wenn andere einen anderen, auffälligeren hatten. Wusste, der würde niemals zu ihr passen, aber fühlte sich unterlegen und kritisiert für ihren Stil. Ich bin mir sicher, dass die betreffende Person so nie gedacht hat. Sie ist bis heute eine Platzhirschin, sie will gar nicht, dass andere sich auch so kleiden, da bin ich mir sicher. Wochenlang wurde vor Einladungen oder Kurztrips mit diesen Freunden rumgejammert, man habe nichts zum Anziehen, man sei ja nicht genug, würde verurteilt. Und selbst WENN! Dann sagt das doch mehr über die anderen, als über dich, Mama!!!
Wenn es mir wirklich egal war, was die anderen denken, war sie zur Stelle, um mir klar zu machen: du musst schon Rücksicht auf die anderen nehmen, vor allen Dingen sollte ich Rücksicht auf sie nehmen. Wie oft habe ich meinen Töchtern andere Kleidung angezogen, bevor es zu meiner Mutter ging, damit sie nichts zu meckern hat. Wie lange habe ich überlegt, was ich anziehe, um einen Kommentar zu vermeiden!
“Bist du schön!“ Mit 49 das erste Mal. Manche werde das wohl nie von ihren Müttern hören, fürchte ich. Man war für diese Generation und die davor und die davor etc. nie genug. Was sollen die Leute sagen?
Wie bin ich hier hingeraten?
Ich wollte sagen: ich bin damit aufgewachsen, dass mein Verhalten als direkter Einflussfaktor auf das Wohlbefinden einer anderen Person galt. Bis hin zu meiner Kleidung. 1990 und 91 war der Tag meiner Mutter morgens versaut, wenn ich zu viel Haarspray benutzt hatte. Wenn ich Liebeskummer hatte, wollte meine Mutter, dass das aufhörte. Freundinnen nutzten mich nur aus, da wurden morgens schon mal Schranktüren geschmissen, weil man ja die ganze Nacht vor Wut nicht schlafen konnte deswegen, wenn ich mich abnabelte oder abgrenzte, war ich schwierig und die ganze Familie wurde in Aufruhr versetzt. Das ging so bis ich 33 war.
Ich habe gelernt, meine Gefühle bis zur Unkenntlichkeit runterzuregulieren, habe gelernt, aufmerksam zu sein. I can read a room! Ich kann jeden Raum lesen, nicht nur, weil neurodivergente Menschen das oft sehr gut können, sondern weil ich das gelernt habe. Von klein auf. Und genauso, wie ich meine Mutter beobachtet habe, hat sie mich beobachtet. Uns entging nichts. Nur die Schlüsse, die sie daraus gezogen hat, waren nicht richtig. Auch wenn sie das stets behauptet hat. Ich weiß, wie es dir geht.
So ist hier also jemand, die an all das so sehr gewöhnt ist, dass sie das nicht einfach so ablegen kann. Und auch wenn ich weiß: ich bin nicht für die Stimmung anderer verantwortlich (es sei denn, ich habe aktiv etwas getan, was das verursacht hat, aber darüber reden wir nicht), fühle ich mich verantwortlich. Ich werde gebraucht.
Neurodivergenz ist neben vielem anderen eine Gefühlsregulierungsstörung. Es wird zu viel, zu ungefiltert wahrgenommen, die dadurch hervorgerufenen Gefühle sind so groß und so viel, dass viele damit alleine überfordert sind. Es erfordert Skills, Training, Wissen, Erfahrung und Unterstützung, das hinzubekommen. Womöglich Medikamente, wenn es passende gibt. Und Menschen, die co-regulieren. Neurodivergenz ist hochvererblich. Stärker als braune Augen.
Und so hat man als neurodivergenter Mensch womöglich auch neurodivergente Kinder. Und muss nicht nur sich, sondern auch die Kinder und die Eltern regulieren. Und manchmal alle gleichzeitig. In einer Gesellschaft, in der das Bewusstsein für diese Dinge nur langsam wächst. Und es immer wieder als Trenddiagnose abgetan wird.
Und so wünscht man sich manchmal einfach nur: no alarms and no surprises.