Ich habe eine Serie angefangen, in der es um die Vogue in den 90ern geht. Ich brauchte etwas Neues, was auf keinen Fall mein Hirn anstrengt und so wurde es das. I was on fire! Mode und Musik- mein ein und alles in den 90ern!
Es sind im Moment viele Dokus zu sehen, in denen es irgendwie um die 90er geht. Fußballdokus, Musikdokus, Modedokus, was weiß denn ich. Und es ist jedes Mal wieder eine Überraschung für mich, was das mit mir macht. Wie sehr mich Bilder und Lieder aus der Zeit packen, berühren, erinnern, selbst Dinge, die mich nicht interessiert haben wie zum Beispiel Fußball, haben ja dennoch die Zeit, den Zeitgeschmack und mich geprägt. Ich war vollkommen überrascht, wie viel mir in der Doku „Beckham“ bekannt vorkam. Ich dachte, ich hätte mich wirklich null für Take That interessiert und dennoch hatte auch Robbie Williams´ Doku eine Menge Bilder und Momente für mich parat, die Erinnerungen weckten. Pamela Anderson genauso. Kylie Minogue. Zuletzt habe ich die Fußballldoku „1994“ gesehen (und irgendwie schon damit gerechnet, dass es 32 Jahre später ähnlich enden würde für die Männernationalmannschaft in Amerika) und nichts hat mich mit 17 weniger interessiert als das- und dennoch erzählen Kleidung, Entwicklung, Äußerungen von damals und heute eine Menge über die Zeit.
Was mich am meisten fertig macht, ist, wie mit Frauen umgegangen wurde in der Zeit und wie vertraut mir das ist. Mit jungen Frauen vor allem, aber im Grunde Frauen allgemein. Die 94er WM wurde ja im Grunde nur wegen der Ehefrauen und Partnerinnen der Spieler verloren, weil die so fordernd und ablenkend waren. Ja, und weil Berti Vogts eben Berti Vogts war. Beckenbauer und Bild haben wirklich alles gegeben, um diesen Mann fertig zu machen. Von der Bild erwartet man ja tatsächlich auch nichts anderes, aber das der Kaiser Franz Beckenbauer das nötig hatte- ich kann es nicht verstehen. Nicht, weil ich ihn für so einen integren Mann halte, Gott bewahre!, sondern weil ich annahm, peinlich berührt herunterzublicken auf diesen unwürdigen Nachfolger reicht, ich wusste nicht, dass man da in Kauf nimmt, sich die Stollen schmutzig zu machen beim Nach-unten-treten, nur um sicher zu gehen, dass es auch ALLE mitbekommen, dass der Nachfolger eine Witzfigur in den Augen des Kaisers ist. Ich fand, es war schwer auszuhalten, was da passiert ist.
Kurz OFF TOPIC. Ich lese gerade „Noch wach?“ von Benjamin von Stuckrad-Barre und da ist mir der Fall Kasia Lenhardt wiederbegegnet und im Podcast „Doppelmaushälfte“ (sehr empfehlenswert, Barbie Breakout und Simon Dömer sind einfach hinreißend und in der Pride Season möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass sich die Stimmung im Land gerade massiv ändert, was queere Menschen angeht. Wo pink washing (bitte googelt es einfach kurz, ich kann nicht den dritten Nebenstrang hier aufmachen) vor ein paar Jahren noch ein Must-Do für die großen Konzerne war, lässt man es jetzt lieber weg, man will ja keine Kund*innen verschrecken.) Also. Kasia Lenhardt. Es ist nicht an mir vorübergegangen, aber ich habe damals- als absolute Bildverweigererin!- nur am Rande mitbekommen, was da passiert ist. Bzw. nicht was da passiert ist, sondern sagen wir mal: wie. Fakt ist: die junge Frau hat sich am Ende das Leben genommen. Und ein bekannter Fußballer und eine große Boulevardzeitung spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Und ich muss jetzt mal einen Recherche Deep Dive machen. Simon Dömer hat den Spiegel Podcast dazu gehört, aber er meinte, es sei kaum auszuhalten.
Worauf ich aber ursprünglich mal hinaus wollte: die Neunziger. Jedes Jahrzehnt hat seine prägenden Momente. In allen Lebensbereichen. Aber findet ihr nicht auch, dass da so ein Geist herrschte von Freiheit, Zukunftsvorfreude und absolutem Hedonismus? Und zwar auch, aber eben nicht nur in der negativen Konnotation? Mein Gefühl war, dass Ungerechtigkeiten überwunden werden würden in den nächsten Jahren, meinetwegen Jahrzehnten, aber das Dinge wirklich BESSER werden würden. Für alle Menschen. Ich bin auch damals nicht so naiv gewesen, wie das klingt. Ich hatte viel Kritik am bestehenden Zustand der Welt. Aber ich dachte dennoch, da sei doch was zu retten. Mauern fielen, Feinde sprachen miteinander über Frieden! Aufklärung und Akzeptanz schritten für mich voran. Rückschritte waren nur dazu da, es noch mehr zu wollen. Quasi nochmal Anlauf zu nehmen. So sehe ich mein Weltbild aus der Sicht von heute. So war mein Gefühl, auch wenn ich es nicht so formuliert hätte damals. Ich fand vieles scheiße und reaktionär. Aber das konnte man ja anders machen! Little did I know.
Ich möchte meinem 16 bis 19 jährigen Ich eigentlich lieber nicht sagen, wie die Welt jetzt aussieht. Gut, dass ich gar keine Möglichkeit dazu habe! Was würde es wohl mit dieser Jugendlichen machen, zu wissen, wie die Welt sich gerade anfühlt? Die große und die kleine. Die, die ich ihr bei einer Zeitreise zeigen würde. Ich glaube, sie würde meine/ unsere/ ihre Kinder bestaunen. Die würden ihr gefallen. Aber was würde sie über den Rest sagen? Wäre sie sauer auf mich, welche Entscheidungen ich getroffen habe? Würden sie die Probleme, die vor ihr liegen, abschrecken? Oder würde sie sagen: ich sehe, wir haben es bis hier hin geschafft! Trotzdem.
Sie würde die Tätowierungen mögen. Ganz lange haben wir die für uns abgelehnt. Und uns am Anfang sehr dafür geschämt, damals nach dem Stechen. Das war was für Asis, so sah das unsere Familie. Und wir fanden uns niemals cool genug, um mit den Tätowierten mitzuspielen, wohlwissend, dass es genügend uncoole Leute mit Tattoos gibt. Aber mit denen wollten wir ja auch nicht in einer Liga spielen.
Wie sie wohl die Hunde fände? Wir haben uns diesen Kindheitstraum erfüllt! Und was würde sie dazu sagen, dass wir jetzt zweimal in der Woche im Stall rumhängen? Bei PFERDEN? Ich glaube, das könnte ich ihr erklären und sie würde es verstehen.
Sie wäre stolz auf mich, wegen der zwei Scheidungen. Sie wusste immer, dass wir keine für „bis der Tod euch scheidet“ sind. Sie konnte sich nicht vorstellen, mit wem man das durchhalten sollte. Dennoch hat sie immer ein bisschen gehofft, diesen Menschen, naja, Mann, zu finden. Aber ich sag mal so: wir haben die Suche falsch angepackt. Und vielleicht zu viele RomComs mit sehr schlechten Vorbildern konsumiert!
Das war immer ihr Horror. Sich in einer Ehe zu Tode zu langweilen. Allerdings weiß ich nicht, ob sie es so gut finden würde, dass wir uns 13 Jahre lang in der von Anfang an falschen Beziehung befunden haben. Das könnte sie wütend machen oder sehr verschrecken. Sie würde uns nicht wiedererkennen. Gut, dass ich ihr auch das nicht beichten muss!
Ich fühle mich dieser Version Teenagerversion von mir näher, als der 28jährigen oder der 38jährigen. Ich weiß gar nicht genau, wer ich da war. Wenn ich Fotos sehe, dann sehe ich mich, aber ich habe keine Ahnung, wer ich damals war. Eine Frau mit zwei, später drei Kindern. Ich glaube, ich hatte nicht einen Wunsch, nicht einen Traum. Auch wenn ich heute immer noch darum kämpfe, wieder mein eigener Mensch zu sein, aus Gründen, so bin ich doch wieder mehr ich als ich es in all den Jahren davor war.
Mein Lebensratgeberportal Instagram bestätigt mir dieses Gefühl. Viele Frauen in meinem Alter schreiben das: die Perimenopause lässt dich wieder zu deinem Teenager-Ich werden. Nur cooler.
Neulich habe ich eine kurze Hose aus dem Schrank geholt, die habe ich seit ich 15 bin. Meine Mutter war damals entsetzt! Viiiel zu kurz! Die durfte ich nicht anziehen. Ich sag mal so: das firmierte damals unter Hotpants, aber heutige Hotpants lächeln da nur müde. Ich habe mich mit dieser Hose vollkommen angezogen gefühlt mit meinen fast 50jährigen Beinen. Und das bisschen Punk und Goth, das in mir schlummert, feiert die Hose immer noch!
So, Freunde. Jetzt ruft mein Leben 2026. Grüße an 1994, unsere jüngste Tochter spielt auf Autofahrten ab und zu ausgerechnet Scooter. Hyper, hyper, kann man da nur sagen! Da hast du nicht mit gerechnet und auch nicht mit rechnen wollen, richtig?