Dellen
Dosen mit Dellen kaufe ich nicht. Meine Mutter warnte immer, vielleicht hat mich Anfang der Zweitausender auch Öko Test gewarnt, dass man die besser nicht kauft. Keine Ahnung. Ohne also zu wissen, warum, befühle ich beim Einkaufen jede Konservendose, ob ihre Außenseite glatt und dellenlos ist.
Mein Auto hat seit einem Stelldichein mit einer schlumpfblauen Säule im Parkhaus vielleicht keine richtige Delle, aber auf jeden Fall blaue Flecken, naja, Striemen könnte man auch sagen. Diese betonen auf jeden Fall die natürliche Form dieses Autos dergestalt, dass es aussieht als habe es an der Stelle eine Delle.
Heute Morgen fiel mein Blick mit Brille auf mein Ganzkörperspiegelbild. Oftmals sehe ich mich nur ohne Brille im Spiegel, im Bad z.B., wenn man aus der Badewanne steigt, dann sieht man auf einmal ziemlich viel von sich. Aber so ohne Brille und mit einer Menge Hornhautverkrümmung sieht man dann glatt und schlank (Astigmatismus bedeutet Stabsehen, das streckt ungemein) aus. Heute Morgen huschte ich nun in temperaturangemessener Kleidungsmenge (Unterhose und T-Shirt) an einem Spiegel vorbei. Und erhaschte einen Blick auf meinen, ja, ich muss es sagen, Hintern. Ich stoppte und schaute nochmal genau hin. Ich glaube, ich kann mich nicht erinnern, meinen Hintern jemals aktiv angeschaut zu haben und dabei nicht festzustellen: er hat Dellen. Mit 15 habe ich es deshalb vermieden, ihn anzuschauen. In jedem anderen Alter im Grunde auch. Und alle Unterwäsche und Badekleidung sollte ihn möglichst so verpacken, dass niemand denkt, ich würde mir anmaßen, diesen Anblick absichtlich zur Schau zu stellen. Aber heute Morgen habe ich gemerkt: es hat sich etwas grundlegend verändert.
Die Seiten, auf denen ich Unterwäsche bestelle, haben verschiedenste Körperformen in ihre Schlüpper und BHs gesteckt. Groß, klein, alt, jung, faltig, glatt, dellig- und je öfter ich das sehe, desto besser finde ich meinen eigenen Körper. Er ist einfach ganz normal. Weil ich nicht mehr nur am Strand sehe, wie normal andere aussehen, sondern auch in der Welt des schönen Scheins. Meine neue Unterwäsche sieht an der Frau auf der Seite im Internet genau so aus wie an mir vor meinem Spiegel zu Hause. Und ich habe das bestellt, weil es auch an diesem nicht gefotoshopten Körper schön aussah. Und als ich eben mein Spiegelbild erhascht habe und mein Hintern mir in seiner ganzen Normalität gezeigt wurde, dachte ich nicht: na, den kannste ja keinem zumuten!, sondern ich war zufrieden. Versöhnt. Es war mir nichts peinlich.
Es ist ein wunderbarer Weg, Menschen klein zu halten und sie geradezu zu kontrollieren, wenn man ihnen beständig das Gefühl gibt, etwas an ihnen entspricht nicht der Norm. Ihr Lachen nicht, ihr Gewicht, ihre Nase, ihre Art zu denken, ihre Schüchternheit, ihr Selbstbewusstsein, die Kleidung, die Haarfarbe- und wenn dann die Norm in kleinen Nuancen immer wieder verändert wird, hält man ziemlich viele Menschen ziemlich beschäftigt, denn dazuzugehören ist ein menschliches Grundbedürfnis. Selbst die, die behaupten, ihnen sei die Meinung anderer vollkommen egal, haben Menschen, zu denen sie gehören wollen. Von denen sie anerkannt werden wollen, gemocht oder geliebt.
Mein Tattoo vom letzten Jahr hat mich ja quasi gezwungen, mir wieder Bikinis zu kaufen. Und ich habe gemerkt, dass es mir immer egaler wurde, wie viel Stoff das Unterteil mitbringt. Es gab eine Zeit, das gab es sehr viel diese 40er, 50er Jahre Unterteile mit tiefem Beinausschnitt und hoch am Bauch. Fand ich toll, da war alles gut verpackt und versteckt. Dieser Bauch hat schließlich drei Kinder beherbergt, alle am Ende um die 3,5 kg und mit reichlich Fruchtwasser. Das sieht man. Dieser Bauch runzelt und faltet, je nachdem, wie ich mich bewege. Und wisst ihr was? Drauf geschissen!
Ich habe überhaupt keine Lust mehr, sehnsüchtig auf die schönen Bikinis zu gucken, um mir dann einen doofen Badeanzug zu kaufen oder einen Bikini, der versteckt, was nun mal da ist. Es ist mir egal. Die Menschen im Urlaub- ja, ich fahre in den Urlaub!- müssen da durch. Hier wird jetzt mit Selbstbewusstsein jede Delle und jede Runzel zur Schau gestellt. Ich will die schönen Bikinis tragen!
Denn, das ist immer meine Gegenprobe, werde ich wirklich am Ende meines Lebens denken: hätt´ ich mal lieber den Badeanzug von Lascana weitergetragen statt des Bikinis von Victoria ´s Secret? Ich glaube nicht. Hier wird jetzt dick aufgetragen.
Aber, kennt ihr das auch? Wenn ihr etwas macht, also den Mut fasst, etwas zu machen, dass dann andere um die Ecke kommen und das doof finden, nicht weil es doof IST, sondern weil sie sich das nicht trauen? Dass man darüber nachdenkt: ich will das heute gerne anziehen, aber wenn ich das zu der Verabredung anziehe, dann wird er/ sie sich schlecht fühlen/ mir einen Kommentar drücken/ immer auf diesem oder jenem Kleidungsstück rumhacken? Dass du auf diesen Schuhen laufen kannst! Dass du dich das traust! DU kannst das ja tragen, aber ich… Ich hab ja gar keine Zeit dafür. Ja, du hast ja… setzt ein, was ihr wollt. Tolle Haare, stabile Nägel, Normgewicht, was weiß denn ich. Das nervt. Denn man hat das doch nicht extra, um andere zu nerven. Ich habe eine Freundin, die hat einen umwerfenden Charme. Zudem ist sie wahnsinnig klar, freundlich, intelligent und fleißig. Und erfolgreich. Was die sich zum Teil anhören darf! Als würde sie unlautere Mittel nutzen. Dabei steht es doch jedem frei, ein freundlicher Mensch zu sein. Sich fortzubilden. Fleißig zu sein. Aktiv am Leben teilzunehmen. Aber es gibt Menschen, die so unsicher mit sich selbst sind, dass sie das tatsächlich provoziert.
Und auch wenn ich Mitgefühl habe für Menschen, die mit sich zu kämpfen haben, so habe ich kein Verständnis dafür, dass sie anderen neiden, wo diese erfolgreich sind oder selbstbewusst. Denn auch diese Menschen haben doch ihre Sorgen, Nöte, Krankheiten, bei sich oder Angehörigen, irgendwelche „Defizite“. Aber man kann doch nicht verlangen, dass andere sich klein machen, damit man sich selber nicht so klein fühlt!
Und nun lautet der Appell: lasst die anderen einfach mal in Ruhe. Du musst niemanden als „fett“ bezeichnen. Weder andere noch- und hier wird es ganz wichtig!- dich selbst. Hier wird keine Bodypositivity gepredigt, hier wird offensive Lebensfreude gefordert! Macht es euch doch einfach da, wo es möglich ist, mal so richtig leicht. Und schön. Findet man nicht die stylishen alten, runzligen, weißhaarigen Frauen auf instagram allesamt unglaublich cool? Weil die scheinbar keinen Fick geben auf die Meinung der anderen? Ja, dann lass doch heute damit anfangen, so eine zu werden! Am Ende deines Lebens denkst du nicht, warum hab ich damals…?, sondern nur: Warum hab ich damals NICHT????
So, und jetzt raus mit euch, geht spielen! Macht mal eine Runde Hopfserlauf als würde keiner gucken!