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Männer und ihre Songtexte

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Männer und ihre Songtexte

Warnung: wenn jemand auf dem Annen May Kantereit Konzert am Freitag war und es gut fand: bitte jetzt nicht mehr weiterlesen, ich möchte euch den Abend nicht rückwirkend ruinieren. Es kommen auch andere Bands und Texte vor, aber da haue ich vielleicht nicht direkt auf noch frisches Glück.

Ja, die Stimmung war gut und viele Leute waren sehr glücklich, da zu sein. A M K haben das geliefert, wofür das Publikum da war. Vielleicht alle, außer mir.

Ich bin als Begleitung eingesprungen, weil die ursprüngliche Begleitung meiner Begleitung längerfristig außer Landes ist, was zum Zeitpunkt des Kartenkaufs noch nicht abzusehen war.

Ich gebe ferner zu, dass dieser Tag stimmungsmäßig nicht mein bester war. Ich habe mich die vergangenen zwei Wochen gefühlt, als würde der Burnout nur darauf warten, dass ich Zeit für ihn habe und mit dem ersten Ferienwochenende ist er vorstellig geworden und teilte mir mit, wir beide hätten jetzt ein Date. Zum CSD in Mönchengladbach ist er auch direkt bereitwillig mitgekommen und hat sich, ein echter Ally, zurückgehalten und uns die Möglichkeit gegeben, uns wohl zu fühlen. Danach wurde er ein bißchen drängelig, aber so richtig Zweit hatte ich da auch nicht. Schließlich musste ich meine Hunde zur ersten Auswärtsübernachtung (ohne Frauchen) ihres Lebens bringen.

Danach habe ich dann versucht, eine Pause zu machen. Hab eine Ibu eingeworfen und mich ins Bett gelegt, aber wer schon mal bei mir zu Hause war, weiß: netter Versuch.

Also bin ich aufgestanden, habe mich angezogen für das Konzert und hab mich auf den Weg gemacht.

Ich hatte in den Tagen vorher schon mal die Setlist durchgehört und habe festgestellt: es wird sich sehr viel bei Frauen entschuldigt. Pocahontas wird wissen, wofür, uns bleibt man konkrete Inhalte schuldig. Einer namenlosen Frau wird gedankt, dass sie mit so wenig zufrieden ist und trotzdem so präsent. „Und dann merk ich, es ist leicht/ weil dir so wenig reicht/ Du gibst mir Zeit“. Ich habe gekotzt, als ich das gelesen habe.

Es wird gelobt, wie bescheiden sie sind bzw. es wird tatsächlich das Wort „demütig“ gebraucht in Katharina: „Du bist so wunderbar demütig/ Und deine Ruhe, die liebe ich“) und er versichert ihr: „…deine Wut/ Die ist Okay und manchmal gut“. Ich fasse es nicht! Wie großzügig!

Naja, und ansonsten ziemlich viel dusseliges „wir sind zusammen und sitzen hier, früher, blabla, heute…“ Es ist so unfassbar egal. Jeder Schlager hat dagegen mehr Tiefe, Humor oder Ironie. Hier nimmt sich jemand sehr ironiefrei sehr ernst. Soll er. Aber ich bin nicht dabei.

Als dann noch belehrt wurde in einem neuen noch unveröffentlichten Song, Bildschirmzeit sei verlorene Lebenszeit oder so ein Quark, war ich raus. Wo war ich denn da gelandet? Vor zwei Wochen haben an der Stelle Kraftklub gespielt und ich war on fire, da war Wut, Engagement, Liebe, (Selbst)Ironie, Humor, Kraft, Politik, es war laut, wholesome, und der/ die Texter*innen dieser Lieder waren sich durchaus darüber bewusst, dass nicht alles, was da gesungen wird, als gesundes Beziehungsmuster gilt. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Bzw. genau darum.

Schauen wir doch mal noch auf ein paar andere Liedtexte. Ich hielt mal Hoobastanks „The Reason“ für ein gutes Liebeslied. Mittlerweile denke ich mir: wenn du dich einfach von Anfang nicht wie ein Hurensohn benommen hättest, müsstest jetzt hier nicht so rumheulen. Das Lied hat ein Freund des Bräutigams auf meiner zweiten Hochzeit gespielt. Dieses Lied ist wie eine 90er Jahre RomCom, in der richtig beschissenes männlich Verhalten als Gipfel der Romantik gilt und Mann und Frau sind am Ende ein Paar, womöglich, weil er sie dann großzügig erwählt, weil sie ihm immer alles verzeiht. Das ist noch schlimmer als die Variante, dass sie ihm am Ende eine Chance gibt, obwohl er ein Hurensohn ist.

Wollen wir über Lewis Capaldi reden? in „Before you go“ fragt er , ob er irgendwas hätte tun oder sagen können „to make your heart beat better“. Ob er etwas hätte tun können, „to make it all stop hurting“. Er singt, dass es nie der richtige Zeitpunkt war, wenn sie anrief. Und Stück für Stück sei es verloren gegangen, bis nichts mehr da war. Ach, späte Reue, typisch. Das sind immer die, die von ihrer eigenen Scheidung überrascht werden, weil da ja vorher keine Anzeichen waren. Jedes Mal möchte ich soooo gerne die Frau dazu befragen, was sie vorher alles versucht hat. Und bei „Forget me“ packt mich immer die blanke Wut, weil es einfach so beschissen ist: er will sich lieber anhören, wie sehr sie ihn bereut, als dass sie ihn einfach vergisst. Er will lieber hören, wie sie „pray to God that you never met me“, als dass sie ihn vergisst. Er weiß, dass sie seinen Anblick nicht ertragen kann. Und dennoch will er das alles lieber vor Augen geführt bekommen, sie zwingen, ihn zu sehen, als sie in Frieden zu lassen. Ihr Abstand und Ruhe zu geben. „Well, I ´ll take the vitriol/ But not the thought of you moving on“. Dramatischer geht es nicht. Er sagt, ihr, dass sie ihn vergiftet, tötet, mit ihrer Verletztheit, ihrem Bedürfnis nach Abstand, aber in seiner toxischen Gedankenwelt ist diese Aufmerksamkeit immer noch besser als keine und die ist sie ihm schuldig, deswegen nimmt er sie sich einfach.

„If you walk out on me, I ´m walking after you“ singen die Foo Fighters. „If you accept surrender/ Give up some more/ Weren ´t you adored?“ „I cannot be without you/ Matter of fact/ I ´m on your back“. Wenn du mich je verlässt, dann werde ich hinter dir sein, dich verfolgen. Ich kann nicht ohne dich sein, das ist eine Tatsache und der hast du dich zu fügen. Wurdest du nicht angebetet? Ich sage nichts dazu. Aber es klingt nach drohendem Femizid.

Die Toten Hosen machen aus dieser Absicht in „Alles aus Liebe“ gar keinen Hehl. Und dieses Lied wird auf Hochzeiten gespielt als Liebeslied! Man kann es als kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Femizid betrachten, aber wenn es so gemeint sein sollte, dann sollte man die Zuhörer*innen auch darüber in Kenntnis setzen, denn sie scheinen es nicht verstanden zu haben.

Während ich also auf dem Konzert innerlich berufsbedingt Textanalyse betrieben habe (wir haben mich ja Literaturwissenschaften, Sprachwissenschaften und Soziologie studieren lassen), war der Burnout der Meinung, jetzt sei aber wirklich genug mit der Hinhalterei. Mein Körper schmerzte, mein Hirn drehte sich und alles war zu laut. Die Tränen hätten es beinah ein paar mal geschafft. Die Atmung panisch. Ich habe es geschafft, ihn an der Hand zu nehmen und wir sind dann auf´s Klo und Pommes essen gegangen.

Auf dem Klo konnte ich hören, wie eine junge Frau telefonierte und sagte: „… nee, ich bin schon auf dem Konzert. hmmm. Hab schon so viel geheult! … Hier ist einfach kein Klopapier! Was für´ne Scheissstadt! Fick dich, Gladbach.“

Mit der Pommes in der Hand auf der Suche nach einem Sitzplätzchen fiel mein Blick auf eine Maus, die da saß und weinte. Eine andere Frau kam und legte Hand an Schulter, ging dann weiter. Wenig später kamen zwei andere Frauen, scheinbar Freundinnen, denn die Tränen waren getrocknet und man schmiedete Pläne.

Der quengelige Burnout hat es dann noch mit einer Panikattacke versucht, ich habe mich echt erpresst gefühlt, aber die konnten wir niederatmen. Zurück auf der Fläche bei der Begleitung, deren Begleitung ich ja eigentlich war, haben wir dann beschlossen, dass es nun auch genug sei und kalt und wir sind gegangen, die Begleitung, der Burnout und ich.

Statt zu weinen haben wir lautstark weiter Textexegese betrieben, der Burnout und ich, nur zaghaft haben wir die abgewendete Panikattacke erwähnt und uns ereifert über so viel belangloses Blahblah mit wenn schon nicht Pauken, dann immerhin Trompeten.

Jetzt sitzen wir hier, der Burnout und ich, die Dackelin auf dem Praktikantinnensessel, auf dem sie immer schläft, wenn sie und ich Büroarbeiten machen, der Burnout und ich trinken Kaffee und essen die Nussecke, die das Kind netterweise mitgebracht hat.

Wie gesagt, sie haben auswärts übernachtet, die Mäuse und die Dackelin hat wieder ihren „I ´ll steal your boyfriend“ move angewandt und vorher gezogene Grenzen mit Leichtigkeit ausgehebelt. So eine Charmeurin!

Ich frage mich, ob ich auch den Burnout nicht einfach auswärts übernachten lassen könnte? Vielleicht kann ich ihn austricksen und ihn mit in den Urlaub nehmen und dort „vergessen“? Echt? Ihr meint, die kennen den Trick? Vielleicht können wir uns auch einfach ein bißchen anfreunden und das Beste aus der gemeinsamen Zeit machen.

Auf jeden Fall gucken wir gleich irgendwann „22 Bahnen“ zu Ende. Ein schönes Buch und ein schöner Film.

Und hören Musik. „´Til we die`“ von Slipknot, damit fangen wir an, laut wäre heute gut. Und Vita: Mein Fehler.